Design

Wie wir uns morgen fortbewegen wollen

26. August 2019

The future is already here – it’s just not very evenly distributed.

William Gibson

Frei übersetzt meint der Satz des US-kanadischen Science Fiction Autors Gibson, dass die Zukunft an manchen Orten heute schon beobachtet werden kann – auch wenn sie nicht überall gleich zum Vorschein kommt. Berlin ist ein solcher Zukunftsort, auch einer der Mobilität.

Die klassischen Verkehrsmittel konkurrieren hier mit zahlreichen Alternativen: mit Elektroautos, Elektrorollern und seit Neuestem auch mit E-Scootern, die man jetzt jederzeit und überall mieten kann. Mit der richtigen App auf dem Handy fühlt sich das Leben an wie ein Labor der Fortbewegung: Man startet morgens den Weg zur Arbeit mit dem Rad, holt sich, wie leider zu oft, einen Platten, steigt dann auf die U-Bahn um und bewältigt den letzten Kilometer mit dem E-Scooter.

Das Schaulaufen der Fortbewegungsmittel wird bisweilen allerdings auch kritisch betrachtet. Kaputtgetretene Leihfahrräder gehören mittlerweile ins Bild der Berliner Parks, das Brandenburger Tor soll wegen Überfüllung zur Sperrzone für die Sharinganbieter werden. Viele Bewohner würden E-Räder und E-Roller lieber in der Spree versenken. In Marseille, zum Beispiel, ist es ein Trend, die neuen Fortbewegungsmittel im Hafenbecken zu entsorgen. Was sagen solche Entwicklungen also über die Mobilität und die Städte von morgen aus? 

Solche Trends können nicht isoliert betrachtet werden, sondern immer im Zusammenhang mit der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit. Zudem sind Trends wissenschaftlich nur schwer messbar und oft kurzlebig. Sogenannte holistische, also ganzheitliche, Umfeldanalysen können jedoch helfen, einen breiteren Blick auf soziale, kulturelle, technologische, ökonomische, ökologische und politische Tendenzen zu gewinnen. Für die Mobilität bedeutet das: Technische Hypes wie E-Scooter werden nie allein unsere nahe Zukunft formen. Vielmehr entscheiden mehrere Faktoren über den Verlauf solcher Trends. 

Nicht alle Autobesitzer nutzen ihr Fahrzeug in der Stadt nonstop. Es bleibt jedoch fraglich, ob mit E-Scootern ein echtes Mobilitätsbedürfnis befriedigt wird und sie mittelfristig eine Konkurrenz für Autos werden. Auf solchen Teilen wird man nass wenn es regnet, man kann keine Ausflüge in die Natur unternehmen, man kann den Sperrmüll nicht entsorgen und man muss auch noch Stürze fürchten. Zwei Maßstäbe sind besonders wichtig für die Bewertung solcher Trends: ihre Wirkungsstärke und das Level an Unsicherheit. 

Als Berliner Ideenlabor sind wir keine ausgesprochenen Mobilitätsexperten. Unsere Aufgabe ist es aber trotz allem, Zukünfte zu zu erforschen. Das geschieht bei uns menschenzentriert und in Ko-Kreation, also immer in Zusammenarbeit mit Partnern. Hier nutzen wir unter Anderem Spekulatives Design. Mit diesem experimentellen Ansatz können alternative Zukünfte erdacht werden, um die Möglichkeiten der Gegenwart zu erforschen. Diese Zukunftsbilder werden meist aus wissenschaftlicher Forschung, neuen Technologien oder gesellschaftlichen Entwicklungen heraus entwickelt. Die Zukunft bleibt in ihrer Fülle ungewiss und an diese Ungewissheit wendet sich Spekulatives Design mit Hilfe bildlicher „Zukunftsartefakte“. Darunter versteht man Entwürfe, Animationen, Ideen für Prototypen oder viele andere denkbare Formen, die uns die Vorstellung einer möglichen Zukunft geben können.

2018 stellten wir bei The Sooner Now Berlin mit dem Ideenlabor den Anfang unseres Gedankenexperiments „Where to go? Spekulative Zukünfte zur autonomen Mobilität“ vor. In einem animierten Video versetzten wir eine fiktive Stadt in die Zukunft und beleuchteten ihre sozialen, kulturellen, technologischen, ökonomischen und politischen Aspekte. Das interessante an dieser Stadt: Sie befindet sich ständig in Bewegung und sortiert sich dauernd neu. Wir stellen damit die gesamte Infrastruktur einer Stadt in Frage und fangen bei Null an. Die Beziehung von Raum und Zeit wird neu definiert und es entsteht ein Alltag, der anderen Gesetzen folgt als heute. Hier kommt die wichtige Frage ins Spiel: „Was wäre, wenn?“ Was wäre, wenn Sie ihre Nachbarn jeden Tag neu aussuchen könnten, wenn Sie dafür bezahlen könnten immer mit der Sonne mitzufahren, oder ein Algorithmus Ihnen mitteilt, wann der Supermarkt an ihrer Haustür vorbei fährt? Dieser Zugang ermöglichte es, bisherige Vorstellungen über Mobilität außerhalb der gewohnten Muster zu diskutieren: Wie würde unser Leben in einer solchen Stadt aussehen? Welche Emotionen, Befürchtungen und Bedürfnisse das Szenario hervorruft, haben wir im weiteren Verlauf in einem User Research erkundet. 

Dank solcher Artefakte werden Debatten provoziert, die unsere Entscheidungen in der Gegenwart beeinflussen können. Immer, wenn wir über die Zukunft sprechen, treffen wir Annahmen. Im Spekulativen Design übersetzen wir diese Annahmen in Erfahrungsmomente, unfassbares wird greifbar und ruft rationale und emotionale Reaktionen hervor.

Für Innovationsprozesse ist spekulatives Design sehr wichtig, da besonders wünschenswerte oder risikobehaftete Ideen diskutiert werden können. Wir verstehen dadurch verschiedene Unsicherheitsfaktoren und können unsere Zukunft selbst positiv mitgestalten. Spekulative Artefakte basieren auf einer Hypothese und übersteigern sie. Sie dienen dazu, den Betrachtern Reaktionen abzugewinnen, die wiederum Rückschlüsse auf deren Verhaltensweisen, Vorlieben, Bedürfnisse und Vorstellungen liefern können.

Technologien verändern unsere Umwelt aber die körpereigene Wahrnehmung der Menschen bleiben gleich. Unsere Sinne verbinden uns mit Menschen, Emotionen und mit der Welt um uns herum. Sollten wir unsere Sinne an eine autonom mobilisierte Welt angleichen? Wie können wir als Menschen in einer technologisierten Umwelt das Gefühl von Orientierung und Kontrolle bewahren oder zurückgewinnen? An dieser Stelle kommt der Ansatz des Ideenlabors ins Spiel, bei dem der Mensch im Fokus steht. Die Zukunft wird kommen, mit Sicherheit schon morgen früh. Sogar auf dem Weg zur Arbeit, vielleicht mit plattem Reifen.

Die Art, wie wir uns Fortbewegen, wird sich verändern und mit ihr unsere Lebenswelt. Es ist eine persönliche und gesellschaftliche Aufgabe, positive Visionen zu entwickeln und sie mitzugestalten. Was wollen wir und was wollen wir nicht? Sollte es eine Welt ohne E-Scooter sein, dann müssen wir nur schauen, wie sie es in Marseille machen.

Bei The Sooner Now 2018 im Berliner FvF Friends Space stellte Wilhelm Rinke “Where to go?” vor. Die Idee und dazugehörige Video “Moving Parts“ entstand zusammen mit dem spekulativen Designer Bernd Hopfengärtner.  Das Berliner Ideenlabor ist eine Kreativitäts- und Innovationsberatung mit Fokus auf Future Thinking, Design Thinking und Innovation Stories.

Text: Wilhelm Rinke