Nachbarschaft

Wie wollen wir leben? Ein Blick auf die Zukunft urbaner Nachbarschaften

4. Juni 2019

Knappe Ressourcen und sich wandelnde Lebensentwürfe fordern Stadtplanung und Architektur heraus.

Wenn ein Quartier neu erdacht wird, muss seine künftige Bewohnerschaft einbezogen werden. Caroline Nagel, Benjamin Scheerbarth und Oke Hauser stellten Projekte in Köln, Berlin und Shanghai vor, die sich an den Bedürfnissen von morgen orientieren.

Sobald es um progressive Stadtentwicklung geht, schweift der Blick oft nach Kopenhagen, dem Sehnsuchtsort für nachhaltig und ökologisch denkende Stadtplanung. Die dänische Stadt hat sich das Ziel gesetzt, bis 2025 die erste CO²-neutrale Hauptstadt der Welt zu sein. Für Caroline Nagel, die aus Mönchengladbach stammt und in Berlin Architektur studierte, wurde die Stadt vor zwölf Jahren zum Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Heute ist sie eine von sechs Projektdirektoren und -direktorinnen sowie Teil der Geschäftsführung des Architekturbüros COBE. Zum Zeitpunkt von The Sooner Now in Köln, 2018, arbeitete sie mit ihrem Team unter anderem an der Entwicklung des Kölner Stadtteils Deutzer Hafen: „Wir wollen das ehemalige Industriegebiet in eine nachhaltige Nachbarschaft verwandeln“, so Nagel.

Im vormaligen Industriehafen entsteht ein lebendiges Stadtquartier mit Wohnraum für 5000 und Arbeitsraum für weitere 4500 Menschen entstehen. Eine neue Fahrradbrücke über den Rhein verbindet das Viertel mit dem Stadtzentrum von Köln. Das innovative Projekt integriert neue Bauformen in verlassene Industrieanlagen, wie etwa eine alte Mühle. Der historische Charakter des Ortes wird bewahrt. Wasser spielt ebenfalls eine große Rolle: Nicht nur, dass der Komplex am Fluss gelegen ist, auch ein riesiger Wasserfall und ein öffentliches Schwimmbad sind geplant. „Uns liegt viel daran, die Vielschichtigkeit des Ortes fortzuschreiben und ihn in ein dynamisches Viertel zu transformieren,” sagte Nagel.

Caroline und Team im COBE-Büro im Kopenhagener Stadtteil Nordhavn, der sich von einem Industrie- in ein Wohngebiet wandelt.
Bei der Umgestaltung des Deutzer Hafens stehen architektonische Vielfalt und eine soziale Mischung im Vordergrund. Nachdem die Stadt viele Jahre darüber diskutiert hat, wie das Industriegebiet entwickelt werden soll, konnte das dänische Architekturbüro COBE schließlich mit seinem Entwurf überzeugen. Unter Einbindung der Bewohnerschaft entsteht in den kommenden Jahren ein Quartier, das das industrielle Erbe erhält und auf neue Herausforderungen reagiert.

Sie verwies darauf, dass die öffentlichen Plätze in solch einem Vorhaben große Bedeutung haben: In Parks und entlang des Ufers begegnen sich Menschen, die hier leben, arbeiten oder zu Besuch sind. Autos sollen in dieser Infrastruktur eine untergeordnete Rolle spielen. Auch eine Wandlung von Strukturen mit flexiblen Elementen – etwa ein Parkhaus, das eine spätere Nutzung für alternative Zwecke erlaubt – und ein lebendiger Straßenraum im Sinne einer 24/7-Stadt mit für Köln typischen Eckkiosken sind wichtig. Nagel plädierte für eine Personifizierung des Straßenraums mit sogenannten „Kantzonen“: Die Bewohnerschaft bekommt ein Stück des öffentlichen Raums und darf diesen eigens gestalten.

Für Caroline Nagel verdeutlicht das Vorhaben, wie Großprojekte in Ballungszentren im Idealfall umgesetzt werden können. Zukunftsorientiert und nachhaltig ist für sie allem voran die Umnutzung alter Industriestrukturen. Wenn Stadtquartiere komplett neu entstehen, eröffnet sich ein neuer Möglichkeitsraum: Während Mobilität und Verkehrsinfrastruktur in bestehenden städtischen Kontexten bereits festgelegt seien, könne man bei der Planung eines neuen Stadtteils die Wege für alternative Mobilität öffnen.

Die Anwohnerschaft muss bei der Entwicklung eines neuen Stadtquartiers von Beginn an in den Entstehungsprozess mit einbezogen werden. Im Laufe der Planungsphase des Deutzer Hafens gab es beispielsweise verschiedene Dialogformate mit den Anwohnerinnen und Anwohnern sowie öffentliche Präsentationen, erzählte Nagel: „Nur wenn wir Bürgerinnen und Bürger, aber auch die Verwaltung einladen und erfahren, in was für einer Stadt sie leben möchten, können wir dazu beitragen, dass diese besser, gesünder, sozialverträglicher und schöner wird.”


„Uns liegt viel daran, die Vielschichtigkeit des Ortes fortzuschreiben und ihn in ein dynamisches Viertel zu transformieren.”

Caroline Nagel
Entwurf für den ehemaligen Industriehafen. Seine zukünftige Hauptattraktion: Ein öffentlich zugängliches Wasserbecken, das als Schwimmbad dient.

Auch Benjamin Scheerbarth hält diejenigen Menschen, die bereits an einem Ort leben und wirken, für die eigentlichen Experten ihres Viertels und findet es falsch, wenn Partizipation nur als Verfahrensschritt verstanden wird. Scheerbarth war von 2016 bis 2018 Projektleiter des visionären Studierenden- und Gründungszentrums Eckwerk, das auf dem Holzmarktgelände in Berlin errichtet werden sollte, letztendlich aber nicht realisiert werden konnte.

Lebendig ist dagegen weiterhin das Modellprojekt Holzmarkt am Spreeufer. Für ihn findet dort ein Sozialexperiment neuer Urbanität statt: „Es spiegelt für mich wieder, wie sich hochkreative Akteure der Subkultur ein Stück Stadt angeeignet und öffentliche Interessen ins Zentrum gestellt haben,” sagte er. Der Holzmarkt ist ein Kreativdorf, das aus dem Geiste des Berliner Nachtlebens entstanden ist. „Es entwickelt die Kreativität und Improvisation der Zwischennutzung konsequent für eine nachhaltige Quartiersentwicklung weiter“, fügte Scheerbarth hinzu.

Die legendäre Bar 25, die 2010 geschlossen wurde, ist noch immer das heimliche Herz, denn Musik spielt nach wie vor eine zentrale Rolle: Hier wird produziert, werden Festivals und Plattenlabels gemanagt, Bookings betrieben, es gibt einen Konzertsaal und Aufnahmestudios. Aber auch eine Kita und handwerkliche Betriebe wie eine Bäckerei, eine Kaffeerösterei und eine Brauerei sind um einen Marktplatz herum angesiedelt. 2019 wird auf dem Gelände ein neues Gästehaus gebaut.

Benjamin Scheerbarth auf dem Holzmarktgelände in Berlin.

Für Scheerbarth ist das Kreativdorf ein Herzensprojekt, das seiner Meinung nach kein Stadtplaner oder Architekt je hätte erdenken können. Der Holzmarkt realisiert eine seiner zentralen Überzeugungen: Eine Stadt muss auch für Menschen, die experimentieren wollen, bezahlbar bleiben. Die Symbiose von Wohnen und Arbeiten, wie sie beim Eckwerk geplant war, hält er nach wie vor für relevant, doch er beobachtet auch gegenteilige Bewegungen: „Die Generation Z sieht eine komplette Verschmelzung von Privat- und Arbeitsleben wiederum skeptischer.“ Sicher ist für ihn jedoch, dass kreatives Arbeiten keinem Uhrwerk folgt und junge Leute in Zukunft noch mobiler werden – und dafür bietet der Holzmarkt Raum.

Seine Vision für künftiges Wohnen formulierte Scheerbarth als Work-in-Progress: „Wir müssen traditionelle Muster immer wieder in Frage stellen.“ Auch eigene Lebensentwürfe gehören dabei auf den Prüfstand: „Meiner Generation fällt es vielleicht noch schwer, sich von der Vorstellung, auf 40 Quadratmetern pro Person zu leben, zu trennen.“ Scheerbarth ist der Überzeugung, dass neue Bau- und Wohnformen auf den Schwund von Ressourcen reagieren müssten. Dazu zählt für ihn die Verfügbarkeit von Bauland. Um künftig Platz in Ballungszentren zu schaffen, müssen Innenstädte seiner Meinung nach verdichtet werden – ohne dabei kreative Freiräume zu eliminieren. Mit Skepsis verfolgt er hingegen, wenn Ballungszentren ihren Fokus vermehrt auf die Bebauung von Freiflächen am Stadtrand legen. Um die so entstehenden Schlafstädte und Pendelverkehr zu vermeiden, gelte es, „echte Quartiere zu entwickeln”.


„Meiner Generation fällt es vielleicht noch schwer, sich von der Vorstellung, auf 40 Quadratmetern pro Person zu leben, zu trennen.“

Benjamin Scheerbarth
Unter dem Motto „Spreeufer für Alle“ entstand 2017 ein öffentlich-zugängliches Kreativdorf als Alternative zur vorherrschenden Uferbebauung entlang der Spree. Die Genossenschaft dahinter formierte sich aus dem ehemaligen Technoclub Bar 25 und Zwischennutzungsprojekten des Areals. Im nördlichen Teil des Holzmarktareals sollte das Eckwerk entstehen, entworfen von Kleihues + Kleihues und Graft. Die Hochhäuser in Holzbauweise waren als eine Mischung aus Arbeitsstätte und bezahlbarem Wohnraum gedacht, allerdings wurde das Vorhaben letztes Jahr vorzeitig im Planungsverfahren beendet.

Dass sich selbst im Zentrum einer Megacity noch visionäre Projekte realisieren lassen, beweist ein geplantes Co-Living-Gebäude von MINI LIVING in Shanghai, das 2019 eröffnen wird. Im Rahmen von MINI LIVING entstehen seit 2016 weltweit neuartige Ideen für das Leben in urbanen Ballungsgebieten. Oke Hauser repräsentierte die Initiative in Köln als Creative Lead und Projektmanager. „Wir leben in einer Zeit, die von großer, internationaler Mobilität geprägt ist“, sagte Hauser. Er selbst ist dafür das beste Beispiel. Nach Stationen in der Schweiz, Berlin und New York lebt er momentan zumindest zeitweilig in München, aber eigentlich, so sagt er, sei sein Hauptwohnsitz der Koffer.

Der Standort in China wird nicht der einzige bleiben, es gibt Planungen in weiteren Städten. Auf 8000 Quadratmetern wird ein Gebäude errichtet, das Wohn- und Arbeitsflächen unter einem Dach vereint, aber auch Räume für Freizeit, Kultur und Begegnung anbietet. „Viele Menschen pendeln zwischen Städten und sogar Ländern, aber es fehlt ein passendes Wohnangebot, das kurze Mietverträge erlaubt und die temporären Bewohner dennoch mit der lokalen Kultur verbindet“, erklärte Hauser das zugrundeliegende Konzept.

Als Creative Lead bei MINI LIVING beschäftigt sich Oke Hauser mit innovativen Formen des Zusammenlebens.

Eben diese Lücke sollte das Projekt in Shanghai schließen: mit sehr flexiblen Mietangeboten bereits ab einem Monat. Das Gebäude vereint sämtliche Elemente einer Stadt, es gibt Ausstellungs- und Arbeitsflächen. „Wir wollten ein Gebäude, das sich nach außen öffnet, es soll mit der Stadt Kontakt aufnehmen, ohne Mitgliedschaft und mit einer Open-Door-Philosophie“, sagte Hauser. Das Konzept soll eine Alternative zu anonymen Wohnghettos bieten. Normalerweise treffe man seine Nachbarn höchstens mal zufällig im Korridor, in der Waschküche oder im Aufzug. Die Architektur müsse laut Hauser aber mehr Orte der Begegnung schaffen.

Gerade die jüngere Generation begegnet der neuen Sharing-Kultur mit Selbstverständlichkeit, doch fehlen häufig noch die richtigen Angebote auf dem Wohnungsmarkt. Der Begriff des Teilens wird Oke Hausers Meinung nach oft zu dogmatisch und vor allem mit Verzicht gleichgesetzt. Er plädierte für eine neue Konnotation: „Sharing bedeutet für mich, dass man mehr hat.“ Heißt konkret für das Gebäude in Shanghai: „Du mietest bei MINI LIVING ein eigenes Apartment, aber wohnst im ganzen Haus und hast viele Zusatzangebote: „Big life on a small footprint“, so die Philosophie.

Den deutschen Trend, dass die Wohnfläche pro Person steigt – aktuell beträgt sie rund 47 Quadratmeter – hielt Hauser nicht für die Lösung: „Bei innovativen Wohntypologien setzt man eher auf weniger Fläche pro Person.“ Er sah auch in Ballungszentren noch Potenzial, um Großprojekte umzusetzen. „Man muss dafür ein kreatives Auge haben.“ Nicht der Raum ist entscheidend, sondern wie man mit ihm umgeht.


„Sharing bedeutet für mich, dass man mehr hat.“

Oke Hauser
2019 eröffnet MINI LIVING sein erstes Co-Living-Haus in Shanghai. Dafür wird ein alter Industriekomplex zu einem mehrschichtigen Angebot aus Apartments, Arbeitsräumen sowie Kultur- und Freizeitangeboten umgewandelt.



Am 20.11.18 traten Caroline Nagel, Benjamin Scheerbarth und Oke Hauser bei der The Sooner Now Veranstaltung in Köln auf. In kurzen Vorträgen sowie einer gemeinsamen Podiumsdiskussion stellten sie ihre Projekte vor und diskutierten innovative Stadtentwicklung und zukünftige Wohnformen mit Miriam Pflüger von der Montag Stiftung Urbane Räume.

The Sooner Now ist eine gemeinsame initiative von FvF und MINI, die sich der Frage angenommen hat, wie wir zukünftig in unseren Städten leben wollen. Über das Jahr hinweg fanden Gesprächsrunden und Vorträge in ausgewählten deutschen Großstädten statt. Alle Stationen findet ihr hier. Die langjährige Zusammenarbeit wurde 2018 zudem vom Designmagazin IDEAT unterstützt.



Text: Annette Walter
Fotografie: Jan Søndergaard, Aimee Shirley, Daniel Müller