Digitalisierung

Blockchain und die Zukunft der Wohnungsmärkte

28. November 2019

Neue Technologien ermöglichen gemeinsame Teilhabe an Immobilien, ohne Spekulation, weltweit.

Wohnen wird immer teurer. Die Immobilienpreise steigen vor allem in den wachsenden Metropolen unserer Welt. Gleichzeitig ändern sich unsere Lebensbedingungen: Wir sind mobiler als jemals zuvor, wir sind global vernetzt und wollen uns immer weniger binden. Denkt man diese beiden Entwicklungen zusammen, stellen sich Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit und Teilhabe an Eigentum. Wenn ich heute umziehe, kann ich mir morgen meine neue Wohnung noch leisten? Und was, wenn ich schon übermorgen in eine andere Stadt ziehen muss? Diese Fragen, mit denen sich nicht nur Mittzwanziger in Berlin herumschlagen, sondern Menschen weltweit, sind einschüchternd. Sie bergen aber auch Möglichkeiten für neue Ansätze und Ideen.

Blockchain ist eine Technologie, die in den vergangenen Jahren in vieler Munde war. Mit ihrer Hilfe können Internetnutzer*innen Bezahlungen direkt untereinander abwickeln – ohne Drittanbieter wie PayPal und ohne die Kontrolle durch Banken und Regierungen. Technisch sind Blockchains, vereinfacht gesagt, Listen mit Datensätzen, die auf mehreren vernetzten Rechnern identisch hinterlegt sind. Sie bilden eine Art Kontrollnetz, das direkte Zahlungen der User*innen, zum Beispiel mit der Kryptowährung Blockchain, absichert. Blockchains können aber nicht nur Bezahlvorgänge auslösen und überwachen, sie können auch zur Verwaltung von „Smart Contracts“ eingesetzt werden. Diese wiederum könnten auf dem Wohnungsmarkt der Zukunft zum Einsatz kommen.

Neue Wege zum Wohneigentum?

DOMA, eine Gruppe junger, internationaler Studierender am Strelka Institute in Moskau untersuchte 2017 im Rahmen des Programms „The New Normal“ die Möglichkeiten von Blockchain auf dem Mietsektor. Hinsichtlich prekärer Mietsituationen warfen sie die Frage auf, ob man dem globalen Problem steigender Mieten in beliebten Metropolen nicht per Blockchain begegnen könnte.

Die Blockchain wurde auf eine Idee übertragen, die es vorwiegend flexiblen, jungen Städter*innen ermöglichen soll, sich schrittweise Eigentum anzueignen, anstatt für immer in Mietverhältnissen zu leben. DOMAs Denkspiel ist nicht gewinnorientiert. Über eine Plattform werden Interessent*innen verknüpft und zu Teilhaber*innen der Blockchain, die Verträge, sogenannte „Smart Contracts“, für den Erwerb von Immobilien generiert und vergibt. Das sind intelligente, selbstausführende Verträge, deren Vertragsbedingungen zwischen Käufer*in, Verkäufer*in und allen an der Blockchain beteiligten Rechnern protokolliert sind. Solche Verträge überprüfen und verwalten die Anteile am Besitz und stellen sicher, dass alles nach den Regeln und zu den Konditionen läuft, die vereinbart waren.


Mit der monatlichen Miete, die langsam aber stetig sinkt, wird Schritt für Schritt Eigentum erworben.

Mithilfe von Blockchains lassen sich nicht nur Währungen einführen, sie ermöglicht auch die Erzeugung und Verbreitung von Verträgen. Der Wert der Immobilien wird dabei in sogenannte „Token“ gestückelt, die dann ganz bequem in kleinen Tranchen erworben werden können. Mit der monatlichen Miete, die langsam aber stetig sinkt, wird Schritt für Schritt Eigentum erworben. Die Stückelung des Immobilienwerts ist einer der großen Vorteile dieses Prozesses: Anders als bei einem herkömmlichen Immobilienkauf muss man nicht vorab schon Eigenkapital mitbringen. Man kann auch mit kleinen Anteilen beginnen oder diese später wieder in unterschiedlichen Tranchen verkaufen. Das ermöglicht auch finanzschwachen Menschen die Teilhabe am kollektiven Besitz. Darüber hinaus bietet die Blockchain nicht nur Vertragssicherheit, auch die Verwahrung privater Daten und die Verschlüsselung von Informationen ist gewährleistet.

DOMAs Vision ist es, über das eingenommene Investment nach und nach Immobilien in Metropolen anzukaufen und so die Teilhabe an einem internationalen Eigentumsnetzwerk zu ermöglichen. Je nachdem, wo man gerade lebt, sollen „Investor*innen“ ihr Eigentum global nutzen können. Zieht man beispielsweise in eine andere Stadt, kann man eine Wohnung beziehen, die die Plattform in der entsprechenden Metropole angekauft hat.

Das Projekt DOMA blieb bisher nur eine Idee und hat nie den Weg in die Anwendung gefunden. Was das Denkbeispiel aber zeigt, ist, dass in neuer Technologie nicht nur ein technologisches Potenzial steckt, sondern dass auch völlig neue Kollektive entstehen könnten. Wenn man auf einmal kein eigenes Haus mehr baut, sondern Teil eines globalen Besitznetzwerkes ist, das nicht gewinnorientiert handelt, sondern Gemeinschaft schaffen möchte, weckt das bei manchen vielleicht ein ungläubiges Gefühl – bei anderen kommt aber vielleicht der Mut auf, eine so utopisch anmutende Idee noch viel weiter zu denken.

Was hält die Zukunft bereit?

Fraglich ist, ob blockchain-basierte Modelle der Teilhabe in den Bereichen Wohnen und Eigentum in Zukunft wirklich einfacher machen. Der globale Anspruch, mit dem auch andere Plattformen wie Facebook oder WhatsApp die Welt erobert und es ermöglicht haben, sich grenzübergreifend zu vernetzen, ist allerdings spannend und es stellt sich die Frage, ob ein ähnlicher Siegeszug auch der Blockchain bevorsteht. Dabei sollte man natürlich nie aus dem Blick verlieren, welche Ziele die Akteur*innen hinter den Technologien und Plattformen verfolgen. Auch wenn die Blockchain als sich selbst kontrollierend und sicher gilt, ist keine Technik je neutral. Besonders bei sensiblen Themen wie Finanzen und Wohnen, die den privatesten Teil unseres Lebens berühren, sollten wir uns genau überlegen, wem wir unsere Daten in die Hände legen.

Text: Angelika Hinterbrandner