Nachbarschaft

Wie Architektur Menschen zusammenbringen kann

4. Oktober 2019

Die Reise in das Leben und das Arbeiten des Londoner Architekten Asif Khan umfasst einen Spaziergang durch London, die Stadt, die er seinen Lebensmittelpunkt nennt. Es ist ein Spaziergang durch den Stadtteil Hackney. Dieser Stadtteil befindet sich aufgrund seiner stetigen Entwicklung und hoher Nachfrage an Immobilien in einem kontinuierlichen Wandel. Hochhäuser, in denen sich zumeist städtische Sozialwohnungen befinden, ragen über die malerischen georgischen Terrassen, pulsierende multikulturelle Einwanderer-Communities die sich den wenigen Raum mit den in einer Blase lebenden Zugezogenen, sogenannten ‘young professionals’ im Kreativ- oder Finanzsektor teilen.

“Wenn mein Vater uns in unserer ersten Wohnung in der Roman Road besuchte, war das meist mit Enttäuschung seinerseits verbunden,” sagt Khan. “Er zog Anfang der 1960er-Jahre aus Pakistan nach London. Als er unsere Wohnung verließ, sagte er, er habe dasselbe Gefühl wie zu jener Zeit, als er zum ersten Mal in London ankam.” Khan Senior konnte nicht verstehen, wie sein Sohn freiwillig in eine Gegend zog, die vermeintlich (jedenfalls oberflächlich betrachtet) Armut zu imitieren versuche; eine Armut, mit der er und Khans Mutter, aus Tansania stammend, als Einwanderer konfrontiert waren—eine Armut, der sie mit kontinuierlicher Arbeit zu entfliehen suchten. 

Integration und Miteinbeziehung anderer sind Themen, zu denen Khan von Zeit zu Zeit zurückkehrt: “Ich habe keine Zeit für Ausgrenzung,” sagt er, während er sich durch eine Gruppe afro-karibischer Frauen windet, die sich auf dem Weg zur Kirche befinden. Sie tragen farbenfrohe Stoffe, die das Grau des Betons zwischen Homerton und Victoria Park aufleuchten lassen. “Meine Eltern sind beide Sozialarbeiter, möglicherweise habe ich dieses Werteempfinden ihnen zu verdanken. Meine Eltern sind mitfühlende Menschen und dadurch habe auch ich gelernt Empathie zu empfinden.”

Das Pavilion Café überblickt den See im Victoria Park. Es ist das erste und möglicherweise hingabevollste Beispiel wie Khan seine Werte in Architektur gegossen hat. Zusammen mit Eigentümer Rob Green hauchte er dem viktorianischen Pavillon aus den 1980er-Jahren mit einem frischen Innendesign neues Leben ein. Besonders ist an diesem Ort: Man kann hier ganz altmodisch Tee für nur ein günstiges Britisches Pfund trinken. Das bedeutet für die alteingesessenen Bewohner des Stadtteils, die möglicherweise finanziell nicht können oder wollen, dass sie keine zehn Pfund für Avocado auf Sauerteigtoast ausgeben müssen. Diese Idee spiegelt sich auch in Khans Design des Außenbereichs wieder. Barrieren wurden beseitigt und der Außen- hin zum Innenbereich geöffnet. So können alle das Café auf ihre Art nutzen.

Restaurants und Cafés haben immer eine bedeutende Rolle in Khans Karriere gespielt. Seinen Abschluss erlangte er 2008, als sein kindlicher Idealismus von der Idee des “Architekten” plötzlich auf die Realität einer weltweiten Finanzkrise traf. Er sah sich schlagartig gezwungen, aus dem Nichts unternehmerische Fähigkeiten zu entwickeln. Er arbeitete eigenständig, bis “letztendlich die Welt um mich herum gleichziehen würde”, wie er sagt. Es waren vor allem gastronomische Betriebe, die von Khans Konzeptionen und Ideen angetan waren. “Ich wuchs in einem Haushalt auf, dem nur ein geringes Einkommen zur Verfügung stand, was bedeutet, dass wir nicht oft Restaurants besuchten. In einem Restaurant zu speisen war eine echte Belohnung, ein Event sogar. Vielleicht haben Restaurants gerade deswegen eine besondere Faszination für mich.” Er erklärt, welche faszinierenden Parallelen er zwischen Restaurant und Theater sieht, Orte, “die für ein paar Stunden täglich zu öffentlichen Räumen werden, bevor sich der Vorhang wieder zuzieht und sie sich wiederum in private Orte verwandeln. Dies alles folgt einem interessanten Rhythmus, und das Ganze geht einher mit einem wundersamen Trick, den ich sehr interessant finde.”

2016 erdachte Khan die MINI Living Installation Forests. Als Teil des London Design Festivals setzte er dieses Projekt mit Hilfe der Gartenspezialistin und Inhaberin des Stores Conservatory Archives, Jin Ahn, um. Gemeinschaft, Kollaboration und Besinnung zogen sich durch die gesamte Installation. Verteilt auf drei Orte, unweit der Old Street, bestand jeder Quader des Forests aus schlichten Platten aus Polycarbonat, die Jin mit Pflanzen befüllte. Jede dieser Platten wurde mit einer unterschiedlichen Zweckrichtung designt—zu ‘Verbinden’, ‘Gestalten’ und ‘Entspannen’. So sollte die Gemeinschaft und Nachbarschaft der Gegend einen Ort der Zusammenkunft finden.  

Nahe der Shoreditch High Street spielte sich alles ab. Khan identifizierte hier drei verschiedenen Gesellschaften oder Communities: die Geschäftsleute, die Nachtmenschen und die irritierte lokale Bevölkerung. Sie leben nebeneinander, unterscheiden sich aber in ihrem Lebensalltag. Seine Installation stellte Räume zur Verfügung, in denen diese Routine unterbrochen werden konnte. Ein Teil der Installation konnte ein Ort für Mittagspausen sein oder ein Ort der Zuflucht. Hier ließen sich Menschen nieder, um ein Sandwich zu essen, zum Beispiel. Im Trubel des Drumherum bot die Installation Ruhe. Im Prinzip hätte Forests eine dauerhafte Lebenszeit verdient oder zumindest mehr als neun Tage während des London Design Festivals. 

In Zusammenarbeit mit Stanton Williams, designte Khan kürzlich ein neues permanentes Zuhause für das Museum of London am Smithfield Market—unweit der ehemaligen Forests Installation: “Museen sind Orte, an denen man auf die Vergangenheit trifft, aber die Vergangenheit holt uns auch zugleich ein,” sagt er. “Museen sollten Orte sein, auf die zurückblicken kann während man zugleich eine Vorstellung der Zukunft gewinnen kann. Stell dir vor, du bist ein Ingenieur für Elektrotechnik und du hast ungehinderten Zugang zu Brunel und zu all den Informationen des TFL [Transport of London] und du verfügst zudem über eine futuristische Sichtweise bezüglich Mobilität, wie fahrerlose Fahrzeuge”, schwelgt Khan. 

Khan strebt danach, die Frage nach geschlossenen und offenen Räumen zu umgehen und möchte diese Vision wunschgemäß an öffentlichen Orten umsetzen. In einer Zeit, in der Worte wie ‘Inklusion’ und ‘Community’ zunehmend marginalisiert erscheinen, wirken Khans Werke wie das Manifest für ein zukünftiges Zusammenleben, die Vision von einer Zukunft, in der diese beiden Begriffe wieder in unser Bewusstsein gerufen werden. “Ich denke, ich suche stetig nach einem Ort, an dem nicht lediglich diese beiden Zustände anzutreffen sind,” sagt er. “Nach einem einen Ort, an dem der Vorhang nicht fällt—es keiner Tricks bedarf und keine Abgrenzung stattfindet.”

Text: James Darton

Fotografie: Liz Seabrook