Bürgerbeteiligung

Warum Bewohner an der Gestaltung ihrer Städte beteiligt werden müssen

4. Juni 2019

Ein Gespräch mit der Wissenschaftlerin Victoria Okoye über ihre Arbeit in westafrikanischen Städten und Möglichkeiten der partizipativen Stadtplanung.

Während einer Tasse Tee bei The Depot Bakery in Sheffield erzählt die nigerianisch-amerikanische Stadtforscherin von ihrer Auseinandersetzung mit urbanen Räumen in Westafrika. Mit seiner Lage in einem alten Industriegebäude bietet das Café eine mehr als passende Kulisse für ein Gespräch über die Möglichkeiten der Aneignung von Stadtraum durch Bewohnerinnen und -bewohner.

Victorias wissenschaftliche Laufbahn begann mit einem Journalismus-Studium, dem sie – wie sie selbst sagt – ihre kommunikativen Fähigkeiten verdankt. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie zur Stadtplanung wechselte, unzufrieden mit der „neutralen“ Position, die ihr als junge Journalistin abverlangt wurde. Nach einem Master in Urban Planning an der Columbia University zog Victoria nach Accra in Ghana. Während sie sowohl dort als auch im nigerianischen Lagos in der Verkehrs- und Abwasserplanung arbeitete, wurde ihr klar, wie Stadtentwicklungsprozesse in der Praxis oft aussehen: ein Budget wird bereitgestellt, das Projekt umgesetzt, aber diejenigen, die es betrifft oder die durch das Projekt verdrängt werden, finden keine Berücksichtigung.

„Manchmal sind die Rahmenkonzepte, die festlegen, was eine Stadt zur Entwicklung braucht, problematisch“, erklärt sie. „Deswegen wollte ich an einer Promotion arbeiten, weil es mir erlaubt, danach zu fragen, wie Menschen diesen Diskurs beeinflussen können. Und: Wenn wir einen ganz anderen Diskurs führen wollen, wie machen wir das?“ Für Victoria ist die Antwort denkbar einfach: Stadtplanung und -design müssen die Bürgerinnen und Bürger in den Planungsprozess einbeziehen. Ihre akademische Arbeit, die sich auf die Wohnviertel Ga Mashie und Nima in Accra konzentriert, geht der Frage nach, wie Communities den umgebenden öffentlichen Raum auf jeweils eigene Weise nutzen.

Hierfür hat sie 2010 African Urbanism gegründet – eine Onlinepräsenz, die gleichermaßen als Forschungsarchiv dient. Als Ergänzung zu ihrer ortsbasierten Arbeit in verschiedenen Gemeinden dokumentiert der Blog die Entwicklungen in den Städten durch die Augen derjenigen, die im Zuge dieser Prozesse ausgegrenzt werden. Victoria hat beispielsweise festgestellt, dass die Communities in Ga Mashie nur wenig Berücksichtigung in der Planung des öffentlichen Raums finden. Aus diesem Grund findet alles auf der Straße statt: Händler bieten hier ihre Ware an, Kinder spielen, es wird gekocht und religiöse Feste füllen die Luft mit Musik.


„Es geht darum, dass wir die Aktivitäten der Community als Designprinzipien verstehen und der Stadtverwaltung ihre Rechtmäßigkeit vor Augen führen.“

„Es ist normal für die Leute, diesen Raum so zu nutzen, aber es wird nie dokumentiert“, erklärt Victoria mit verständlicher Gereiztheit. „Oder es wird gesagt, dass die Leute diese Plätze zweckentfremden – ein Missstand, der eine ökologische Gefahr darstellt. Es geht darum, dass wir diese Aktivitäten als Designprinzipien verstehen und der Stadtverwaltung ihre Rechtmäßigkeit vor Augen führen. Das sind nicht nur Leute, die sich außerhalb der „formalen“ planerischen Rahmenkonzepte bewegen – das sind einfach verschiedene Lebensweisen, die wir zu verstehen versuchen sollten, damit wir mit ihnen und für sie designen können.“

Ein Projekt der Stadt Sheffield im Zuge der Aufwertung des bestehenden Stadtraums ist Park Hill, ein als „grade II” (besonders erhaltenswert) gelisteter Wohnkomplex, in dem Luxusapartments entstanden sind. Hierzu wurde das originale Betongerüst des Hauses bei der Renovierung durch verschiedenfarbige Aluminiumplatten ergänzt. Auf dem Weg zum Hügel, um das brutalistische Labyrinth von Innen zu bewundern, denkt Victoria darüber nach, wie ein horizontaler Ansatz in der Stadtplanung aussehen könnte, der die Befehlshierarchie von „top-down” aufbricht, die so vielen Designprozessen zu Grunde liegt. Der Schlüssel liegt in der Zusammenarbeit: Victorias Idee vom Designen mit der Bevölkerung zieht sich durch ihre Forschung hindurch, insbesondere in den kollaborativen Lernworkshops. Hier interessiert sie sich beispielsweise dafür, wie Storytelling und Fotografie als kreative Methoden eingesetzt werden können, um Stadtverwaltungen die Erfahrungen der Anwohnerschaft zu vermitteln. „Die Leute können nun ihre eigenen Designprinzipien vorstellen und sagen: ‚So leben wir wirklich‘“, erklärt sie.

Eines ihrer Themen bei The Sooner Now in Berlin sind die Fotografieworkshops mit den Jüngeren in Ga Mashie, die sie zusammen mit der Anwohnerin und Aktivistin Rita Esionam Garglo leitet. Das Anliegen dieser Workshops liegt darin, so beschreibt es Victoria, zu „lernen, wie die Kinder den Raum wahrnehmen und wie sie einordnen, was in der Gemeinschaft passiert.“ Bevor sie die Fotos ihrer Lieblingsplätze ausstellten, gab sich die Gruppe den Namen Akwaaba Photo, was „Willkommen“ in Twi heißt – eine Geste, mit der andere in die Community eingeladen werden sollen, um ihre einzigartigen Perspektiven zu teilen. Viele von Akwaabas Bildern zeigen Orte, an denen sich nur Kinder aufhalten, die die erwachsenen Anwohner von Ga Mashie in der Gruppe überrascht haben. Für Victoria zeigt sich hierin die Bedeutsamkeit des Projekts: „Es ist eine interessante Art, ganz verschiedene Geschichten über die Stadt in einer bestimmten Nachbarschaft zu erzählen.“

„Die Bewohnerinnen und Bewohner können ihre eigenen Designprinzipien vorstellen und sagen: ‚So leben wir wirklich‘.“

Kinder mit Kameras zusammenzubringen und ihre Geschichten in die Welt zu tragen – damit steht Victoria ganz im Geiste eines lokalen Aktivismus mit globalem Anliegen. Indem sie mit gutem Beispiel vorangeht und die ineinandergreifenden Bereiche von Forschung und Aktionismus anschaulich miteinander vereint, fordert sie die herrschenden Stimmen in der Stadt heraus und gibt denjenigen ein Sprachrohr, die normalerweise nicht gehört werden. „Viele Planer und Designer sehen sich selbst als neutral an“, erklärt sie. „Es wäre cool, wenn sie realisieren würden, dass sie nicht wirklich in einer neutralen Rolle stecken – es gehört viel Aktivismus dazu.“

Victoria gibt einen Überblick über die Geschichte und die Politik, die hinter der Entwicklung westafrikanischer Städte steht und noch immer in der kolonialen Stadtplanung der Briten verhaftet ist: „Es dreht sich viel darum, eine moderne Stadt zu haben, die sich an einem fremden Bezugssystem orientiert – ein Erbe der kolonialen Erfahrung. Man muss sich nur anschauen, was in Dubai, New York oder London passiert. Das ist das Ziel, aber es ist nicht die Realität.“

„Kunstschaffende, Planerinnen und Designer können eine Menge voneinander lernen – verschiedene Arten, die Stadt oder den Raum zu betrachten, was viele unserer festgefahrenen Sichtweisen herausfordert.“

Indem sie die alltäglichen Erfahrungen der Anwohnerschaft in westafrikanischen Nachbarschaften wie Ga Mashie sichtbar macht, hilft Victoria dabei, die Bedürfnisse der Menschen in der Stadtplanung zur Priorität zu machen. Und nebenbei justieren ihre Projekte das Potenzial für Teilnahme neu. „Mir gefällt die Idee nicht, dass ich diejenige bin, die ihre Doktorarbeit schreibt und somit den alleinigen Zugang zu Wissen habe“, sagt sie. „Je mehr ich über Beteiligungsprozesse lese, desto mehr Möglichkeiten zur Umsetzung sehe ich.“ Wenn Victoria über die zukünftigen Verbindungen in dem persönlichen und professionellen Beziehungsgeflecht der Gemeinschaft spricht, hört es sich so an, als ob die Workshops nur der Anfang sind. „Wir lernen voneinander. Es ist wirklich wichtig, unser jeweiliges Fachgebiet auch mal zu verlassen.

Kunstschaffende, Planerinnen und Designer können eine Menge voneinander lernen – verschiedene Arten, die Stadt oder den Raum zu betrachten, was viele unserer festgefahrenen Sichtweisen herausfordert.“ Auf einem anderen von Sheffields Hügeln – dieser beheimatet den Miniaturgarten Love Square, ein kleiner Pocket-Park, wo sich Wildblumen und Stadtbewohner in der Mittagspause tummeln – erinnert Victoria sich an ein Sprichwort, das sie mal gehört hat: „Wenn du schnell gehen willst, geh allein. Wenn du weit gehen willst, geh mit jemandem zusammen.“


Victoria Okoye’s Projekt A PARK(ing) Day im ghanaischen Accra, Ghana



Victoria Okoye ist Stadtplanerin, Forscherin und Autorin zu Themen des öffentlichen Raums, seiner Aneignung sowie zu partizipativem Stadtdesign in westafrikanischen Städten. Auf ihrem Blog African Urbanism gibt sie Einblick in ihre Forschung.

Victoria Okoye sprach The Sooner Now Berlin über ihr Interesse an gemeinschaftlichen Lernpraktiken und ihr Projekt Akwaaba Photo, eine Kombination aus Workshop und Ausstellung in Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus Ga Mashie in Accra.

The Sooner Now ist eine Initiative von MINI und Freunde von Freunden, die sich seit 2016 als Plattform für herausragende Zukunftsideen versteht. Die Fortsetzung des Projekts wurde 2018 vom Designmagazin IDEAT unterstützt. Nach zwei Jahren inspirierender Gesprächsrunden in verschiedenen deutschen Großstädten kam The Sooner Now am 13. Oktober 2018 zurück nach Berlin und warf einen Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft urbaner Utopien. Das ganztägige Programm brachte Expertinnen und Experten aus Architektur, Design, Technologie, Journalismus und Politik zusammen – Interessierte waren eingeladen zuzuhören, auszuprobieren und sich auszutauschen.



Text: Brit Seaton
Fotografie: India Hobson