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Wie aus menschlichen Bedürfnissen und spekulativen Visionen Utopien entstehen

4. Juni 2019

Im Rahmen von The Sooner Now 2018 wurden architektonische und städtebauliche Zukunftsvisionen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter die Lupe genommen, Berlin.

Der Akt, „selbst in diese Umgebung einzugreifen, etwas zu machen, ist ein Prozess der Selbstermächtigung“, erklärte der Architekt Joe Halligan vom Londoner Kollektiv Assemble. Mit seinem Talk „Paddle Your Own Canoe“ eröffnete er The Sooner Now Berlin, den interaktiven Konferenztag, der sich um die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft urbaner Utopien drehte.

Halligans Keynote kreiste um den Wunsch, dass sich Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten bewusst machen. Um Städte zu verändern, müsse man sich allerdings „klar werden, dass sie keine festen Gebilde, sondern formbar sind“, merkte Halligan an. Das Hineinwirken in die eigene Umgebung setze allerdings voraus, dass sich die Menschen ihrer eigenen Position darin gewahr werden und sie festigen.

Zwischen Stadtbewohnern und der gebauten Umwelt klafft jedoch eine Lücke, die überwunden werden muss. Assemble schließt sie, indem das Kollektiv für seine Projekte mit Kunstschaffenden, handwerklichen Gewerben und der Bevölkerung zusammenarbeitet. Das Kollektiv legt seinen Fokus auf die Möglichkeiten, Dinge mit den eigenen Händen zu bauen und zu verändern. „Granby Four Streets“, ein Projekt, für das Assemble 2015 den renommierten Turner Prize gewann, zeigt, wie fruchtbar diese Herangehensweise sein kann. The Sooner Now, eine Initiative von MINI und FvF, bringt Expertinnen und Experten zusammen, die sich damit befassen, inwiefern Bewohnerinnen und Bewohner in Städten aktiv in deren Gestaltung und Wandel eingreifen können. Halligans Keynote „Paddle Your Own Canoe“ setzte den Grundton für den Tag im FvF Friends Space.

Warum Räume fließender werden, private und öffentliche Umgebungen einander näherkommen müssten, besprachen Jeroen Beekmans und Corinna Natter und schlossen sich Halligans Wunsch nach Wandel an. Natter, Designerin für MINI LIVING und Beekmans, Mitbegründer von Golfstromen, einer Agentur für urbane Transformation, sprachen sich in einem Dialogformat gegen die Homogenisierung und für die Durchmischung von Räumen aus: „Eine der größten Herausforderungen ist es hier, Inseln innerhalb der Stadt zu verhindern“, sagte Beekmans.

Mit der wachsenden Bedeutung von Städten weltweit geht die Herausforderung einher, Menschen für diese Städte zu begeistern. Natasha Grand, Gründerin des Institute for Identity, unterstützt Städte dabei. Sie hilft ihnen, die Sinne für ihre Persönlichkeit zu schärfen und diese auch zu kommunizieren. Ihr Vortrag „What Is the Personality of Berlin?“ legte nahe, dass eine Stadt ihren Charakter definieren muss, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Damit könnten Städte Menschen anziehen und sie darüber hinaus motivieren, sich in ihrer Umgebung einzubringen. Grand stellte fest, dass Städte bei ihrem Branding oft den Fehler begehen, nicht an ihre Qualitäten zu glauben oder immer nur besser als andere sein zu wollen. „Warum sollten wir denn nicht zufrieden sein mit dem, was wir haben?“ fragte Grand dementsprechend.

Während Grands Arbeit sie schon von Großbritannien nach Russland und an die unterschiedlichsten Orte verschlug, beschäftigt sich Victoria Okoye in ihrer Doktorarbeit mit Westafrika. Ihr Vortrag „Other City Narratives“ lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf Ga-Mashie, eine Gemeinde in der Hauptstadt Ghanas, Accra, die nach den ersten Siedlern der Stadt, den Ga, benannt ist. Die Gegend hat keinen guten Ruf, weil vor allem die schlechten Seiten des Lebens dort nach außen getragen werden. Okoyes Fotografieprojekt „Akwaaba Photo“ zeigt andere Perspektiven des Lebens dort auf, durch die Augen von Kindern und Jugendlichen, die dort leben.

Bei The Sooner Now werden Ideen, die unsere gewöhnlichen Denkweisen herausfordern, auf ihr reelles Potenzial hin untersucht. Könnten Jahreszeiten zu einem bestimmenden Faktor für die Gestaltung des öffentlichen Raums werden, zum Beispiel? Warum öffnen sich westliche Gesellschaften nicht für den Gedanken, ihre Räume mit anderen zu teilen und alltägliche Dinge gemeinsam zu nutzen, um Müll zu sparen? Julian Schubert, Mitbegründer des Architekturbüros Something Fantastic stellte in seinem Vortrag fest, dass Jahreszeiten das Nutzungspotenzial des Stadtraums verändern. Um die Effizienz der Raumnutzung zu erhöhen, müsste die Gesellschaft Designprozesse als verhandelbar wahrnehmen und damit die Offenheit für undogmatische Raumnutzungen erhöhen. Im Winter wird weniger mit dem Fahrrad gefahren, also könnte man doch die Fahrradstreifen für eine andere Nutzungen öffnen, stellte Schubert fest.

Abfall, weiß wiederum Simon Uh Choll Lee, ist ein Beweis für große Ineffizienz. Allein die Bauindustrie in Deutschland verursacht 55% des gesamten Abfalls im Land. Das Problem liege allerdings nicht bei einem Industriezweig allein sondern ist ein Konstruktionsfehler aller linearer Wirtschaftssysteme. Lees Antwort darauf: Zirkuläre Wirtschaft. Die probiert er mit seinem Projekt CRCLR in Berlin-Neukölln aus. Eine alte Lagerhalle auf dem ehemaligen Gelände der Kindl Brauerei dient seinem Projekt heute als Veranstaltungsort und Co-Working-Space. Hier will der studierte Mathematiker die Vorstellung von Müll verändern.

Gemäß der zirkulären Wirtschaft verlässt kein Material, kein Müll einen Raum und der Wert dieses Raums steigt trotz – und gerade wegen – seiner begrenzten Ressourcen. Während die zirkuläre Wirtschaft zumindest in Neukölln noch in der Experimentierphase existiert, gibt es in der Architektur Hinweise, wie utopische Ideen in der Realität bestehen können.

Ein Beispiel dafür sind die Wohntürme in Alterlaa außerhalb von Wien. Die Fotografin Zara Pfeifer hat das Leben dort dokumentiert. Laurence Bonvin, Regisseurin aus der Schweiz, zeigt in ihrem Film Avant l’envol, wie die modernistische Architektur öffentlicher Bauten aus den 1970er-Jahren in Abidjan heute genutzt werden. Vom Gestern und Heute erzählen auch die Orte, die der Künstler Martin Bricelj Baraga mit virtuellen „Nonuments“ verewigt und damit aufzeigt, wie sich sozialer und politischer Wandel in der gebauten Umgebung abbildet. Auf dem Panel Futures of the Past sprachen Pfeifer, Bonvin und Baraga darüber, was wir heute von utopischen Ideen in der Architektur lernen können.

Das französische Kollektiv N O R M A L S schwenkte von der tatsächlich gebauten Umwelt hin zu imaginierten Städten der Zukunft. Mit ihrem Spiel CCCC.city („Foresee City“) luden sie das Publikum von The Sooner Now dazu ein, ihr eigenes Utopia zu entwerfen. Betonbauklötze, Sticker, Terrainelemente und Modellfiguren wurden in Starterkits an die Teilnehmenden verteilt und ihre Rollen in diesem Spiel damit definiert. Auf einem interaktiven Schachbrettmuster wurden die Bauteile angeordnet, um so eine Stadt der Zukunft entstehen zu lassen. Verschiedene Rollen bringen unterschiedliche Einschränkungen mit sich: Ein „Neo-Hobbit“ lebt lieber in einer Umgebung mit Rasen; ein „Skyline Enthusiast“ muss auf bereits bestehende Gebäude aufbauen. Neben einem bunten Mix an Eigenheimen erschufen die rund 200 Bauherren auch gemeinsame Mammutprojekte, wie Flughäfen, Krankenhäuser oder Kirchen für spontan erfundene Religionen. Ausgeschmückt mit kleinen, von Teilnehmern ausgedachten Geschichten wuchs CCCC.city so zu einer vielschichtigen Kollage urbaner Fantasien.

Die Simulation hat gezeigt, dass das eigentliche Machen etwas kraftvolles sein kann, denn, um Visionen zu verwirklichen, muss man im physischen Raum ansetzen. Auch wenn derzeitige Methoden und Prozesse gegeben sind, hindern sie uns nicht daran, die Technologien von morgen anzunehmen. Mit jedem auf seinem eigenen Kanu, um mit Joe Halligan zu sprechen, und trotzdem alle zusammen, kann der Weg in die Zukunft der Städte geebnet werden.

The Sooner Now ist eine gemeinsame Initiative von MINI Deutschland und FvF, die Ideen des urbanen Lebens untersucht. Im vierten Jahr war The Sooner Now in den FvF Friends Space zurückgekehrt und lud das Publikum dazu ein, urbane Visionen in einem Tagesprogramm aus Dialogen, Experimenten und Spielen auszuprobieren. Unter Anderem sprachen Joe Halligan, Victoria Okoye und N O R M A L S.

Die Konferenz voller Vorträge, Diskussionsrunden und einem interaktiven Spiel wurde vom IDEAT Magazin und vielen weiteren Partnern möglich gemacht: Vielen Dank an Soda Books, Fundamental.Berlin, Five Elephant, Brot & Zeit, Son Kitchen, Roe & Coe, Vöslauer, Carpe Diem Matcha, Ostmost, Mono Tee, Stone Brewing Berlin, Weingut Baumberger, LA Cold Press, Dedon, Manufactum, and Marasano.



Text: Ann-Christin Schubert
Fotografie: Robert Rieger