Zukunft

Stadt ohne Meer

29. Januar 2020

In Städten wie Barcelona, Los Angeles oder Lissabon genießen es viele Bewohner*innen ihre Freizeit an der Küste zu verbringen. Doch wie sieht es in anderen meereslosen Städten aus? Bleiben hier überfüllte Chlorbecken und lange Warteschlangen die Zukunftsvision?

Nicht unbedingt – In Berlin arbeitet das Projekt „Flussbad Berlin“ schon seit knapp 20 Jahren an einer revolutionären Idee für den Spreekanal. Zwischen dem Auswärtigen Amt und der Monbijoubrücke am Bode-Museum soll der Spree-Arm in Berlin Mitte mit Hilfe von ökologischen Pflanzen­filtern gereinigt und renaturiert werden, um diesen für öffentliche Badestellen zu erschließen. Das Projekt „Flussbad Berlin“, initiiert unter Anderem von realities:united um Künstler Jan Edler, will dabei nicht nur nur Erholungs­- und Sportflächen für die Bewohner*innen verwirklichen, sondern auch einen besseren Umgang mit der Natur in der Stadt fördern. Zwischen 15 und 45 Meter breit und 835 Meter lang ist das Stück im Spreekanal, das zum Freiwasserschwimmen mit sauberem Wasser versorgt werden soll. Mit Freitreppen und überdachten Umkleiden, Duschen, WC’s und Schließfächern soll der Badebereich besucherfreundlich ausgestattet werden. Außerdem soll auch der steinerne Kanal an der Fischerinsel zu einem naturnahen Wasserlauf umgestaltet werden, um zur Ruhezone für Fische, Insekten und Pflanzen zu dienen, was einen Beitrag zur Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts in der Stadt leisten soll. Andernorts ist man mit dem Flussbadespaß schon weiter.

„Sich treiben zu lassen, inmitten der städtischen Hektik, vorbei an Betonmauern und Wohnsilos, ist Kult und Lebensqualität“, so beschreibt das schweizer Tagblatt das Baden im Limmat, dem Fluss der durch die züricher Innenstadt fließt. In der Schweiz gehört das Badevergnügen nicht mehr nur in Zürich zum Alltag. Wenn die Sonne an den heißen Sommertagen auf den Asphalt prallt, suchen viele Städter*innen auch in Bern, Basel oder Genf eine Abkühlung in den angrenzenden Flüssen. Hier wurde seit dem Beginn der 1990er-Jahre viel Zeit in die Reinigung und Regenerierung der Flüsse gesteckt, damit sie heute als Erholungsort in den Innenstädten dienen können.

Das in der Schweiz geltende „Jedermannsrecht“ begünstigt Projekte wie die Flussbäder. Es spricht den Bürger*innen grundlegende Rechte zur Nutzung der Natur zu. Das bedeutet: solange das Betreten von herrenlosem Land nicht ausdrücklich durch eine Kennzeichnung untersagt ist, wird allen Bürger*innen grundsätzlich ein freier Zugang zum Hochgebirge, öffentlichen Gewässern, Wald und Weide gewährt. 

In Deutschland ist es hingegen genau umgekehrt – solange es nicht ausdrücklich erlaubt ist, gilt es als verboten (Betretungsrecht). Dazu kommt, dass das Schwimmen im Fluss eine städteplanerische Meisterleistung voraussetzt und die Politik für eine solche Umsetzung viel Geld in die Hand nehmen und Zeit investieren muss. Deshalb laufen die Planungen hierzulande nur schleichend voran. Und das, obwohl sich viele Bürger*innen nach öffentlichen Badestellen sehnen.

Neben den vielen Befürwortern gibt es jedoch auch viele Gegner, die in Berlin das Flussbad zu verhindern versuchen. Vor allem Denkmalschützer stellen sich dagegen und fürchten, dass die Museumsinsel den Status als Weltkulturerbe verlieren könnte. Zudem kommen komplizierte Eigentumsverhältnisse hinzu, die noch geklärt werden müssen.
Auch wenn die Fertigstellung des Projekts noch in weiter Ferne liegt, kann jedes Jahr beim „Flussbad-Pokal“ schon mehr als nur der kleine Zeh in den Spreekanal gesteckt werden. An einem ausgewählten Sonntag zu Beginn des Sommers wird der Kanalabschnitt zwischen Schloss- und Monbijoubrücke gesperrt, um den ersten mutigen Teilnehmer*innen einen Vorgeschmack zu bieten. Verseucht ist das Wasser nämlich nicht, es Bedarf nur besonderer Kontrolle. Zu lange Zeit sollte man trotzdem noch nicht in der Spree an der Museumsinsel verbringen. Im Sommer kommt es auch immer häufiger zu Starkregen, der die Kanalisation zum Überlaufen bringt und das Wasser weiter verschmutzt. Nur durch die Filteranlage wäre eine dauerhafte Säuberung des Spreekanals gewährleistet.

Text: Charlotte Hölter
Bilder: James Simon Galerie, Kiesfilter