Neun Fragen

„Radautobahnen, unterirdische Straßen und Parkhäuser, das wäre doch famos.“

18. Dezember 2019

Die Bedürfnisse und Ansprüche an die eigene Stadt können sich im Laufe eines Lebens stetig ändern. So müssen Stadtplaner*innen auch immer die unterschiedlichsten Generationen und Lebensformen der Bewohner*innen mitbedenken. Als Sarah Neuendorf Mutter wurde, hat sich auch für sie vieles in ihrer Heimatstadt Berlin geändert. Alltägliche Situationen wirken plötzlich bedrohlicher und kurze Wege schätzt sie immer mehr. Die 30- jährige Illustratorin hat sich mit der Gründung ihres Labels „Gretas Schwester“ ihr Hobby zum Beruf gemacht. In Berlin fehlt ihr eigentlich nur das Meer. Dafür findet man es aber umso häufiger in ihren selbst gestalteten Postern, Büchern und schönen Kleinigkeiten aus dem Aquarellkasten. 

In welchen Städten hast du schon gelebt?

Ich bin in Berlin geboren, habe eine Zeit lang in Bremen studiert und bin anschließend wieder nach Berlin zurückgekehrt.

Auf was könntest du in deiner Stadt nicht verzichten und auf was sehr gut?

Die Menschen in Berlin sind besonders – hier kann jeder so sein wie er mag. Herrlich ist es außerdem, dass man nur wenige Schritte zu kulinarischen Köstlichkeiten aus aller Welt laufen muss und hinter jeder Ecke ein schöner Buchladen oder ein neuer Konzeptstore wartet. Genervt bin ich allerdings davon, dass man momentan kaum Veranstaltungen besuchen, sich bei Kursen anmelden oder Kitas finden kann, weil alles überfüllt ist.

Was bedeutet Heimat eigentlich für dich? Erfüllt Berlin deine Vorstellung von einem langfristigen Zuhause? 

Heimat hängt weniger mit dem Ort als vielmehr mit den Menschen zusammen. Dort, wo meine Kinder und mein Mann sind, wird sich wohl auf lange Sicht immer ein Heimatgefühl einstellen. Mein Mann und ich haben beide Familie in Berlin. Wir wussten das schon immer sehr zu schätzen, aber jetzt mit den neuen kleinen Teammitgliedern ist es neben einem heimeligen Gefühl auch noch furchtbar praktisch. Deswegen können wir uns momentan keinen besseren Ort zum Leben vorstellen als Berlin.

Welche Vorzüge ziehst du aus der Großstadt und was lässt dich eher aufs Land flüchten?

Alles immer und überall verfügbar zu haben ist ein riesiger Vorteil in der Stadt! Wir haben kein Auto sondern ein Lastenrad, das völlig ausreicht. Der nächste große Supermarkt ist direkt um die Ecke, die Kita ist nur wenige Minuten mit dem Rad entfernt und zwischen unserer Wohnung und meinem Atelier kann ich innerhalb kürzester Zeit hin und her flitzen. Wenn man Lust auf Kultur hat, sind die Möglichkeiten so umfangreich, dass man jede Woche Museen und Ausstellungen besuchen könnte und trotzdem die Hälfte verpasst. Genau dieser Überfluss kann manchmal aber auch zu viel sein. Zum Durchatmen und Loslassen ist die Flucht aufs Land unbezahlbar.

Was muss eine Stadt mit sich bringen, um dich um den Finger zu wickeln? 

Sie darf nicht austauschbar sein. London großstädtisch chaotisch, Berlin ist schrabbelig kreativ, Kopenhagen zweiradfreundlich und Reykjavik herrlich unaufgeregt und luftig. Wenn eine Stadt zusätzlich noch am Meer liegt, hat sie mein Herz meistens im Sturm erobert.

Was würde das Leben in deiner Nachbarschaft noch verbessern? 

Ich mag unsere Nachbarschaft sehr gerne. Die Straßen sind relativ ruhig, drei Parks, sowie der im Reiseführer empfohlene Kiez liegen nur fünf Minuten entfernt. Trotzdem gibt es auch Negatives. Die Wege sind schmal und häufig schmutzig, die große Hauptverkehrsader, die sich durch unser Gebiet zieht, ist laut und gefährlich und Radwege gibt es gar keine. 

Wie definierst du persönlich eine gute Lebensqualität? Was benötigst du dafür? Was gehört für dich dazu? 

Meer, Meer und nochmal Meer. Wenn Berlin am salzigen Nass liegen würde, wären alle meine Wünsche und Träume erfüllt. Täglich die windige, salzige Luft zu spüren muss etwas herrliches sein.

Wie stellst du dir die Stadt von morgen vor und was erhoffst du dir von ihr? 

Die Stadt von Morgen ist für Fahrradfahrer*innen freundlicher, Car Sharing ist üblicher, als ein eigenes Auto zu besitzen, Wohnraum ist bezahlbar und die Straßen sind sauber. Ich hoffe, vor allem für Berlin, dass der Charme der Stadt erhalten bleibt. Weiterhin sollten der urige Späti, die chice Galerie, das hippe Café und der alt eingesessene Eisenwarenhandel nebeneinander existieren dürfen. Und davor befinden sich dann  Radautobahnen, darunter unterirdische Straßen und Parkhäuser, das wäre doch famos.

Welche Stadt möchtest du unbedingt noch besuchen? 

Ich würde gerne in die Stadt der roten Häuser und der wilden Natur: Tórshavn auf den Färöer Inseln, arktische Luft atmen und die unendlichen blauen Weiten genießen.

Interview: Charlotte Hölter