Leseliste

Fünf Bücher über echte und unechte Orte

21. Oktober 2019

Ob Wunschvorstellungen oder vielleicht sogar Anleitungen in neue Staats- und Wirtschaftsformen – Utopien und Dystopien regen dazu an, Städte, Staaten und Strukturen anders und neu zu denken.

Der Circle

Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers schrieb diesen dystopischen Roman 2013 und sorgte damit für viel Aufsehen. Der Circle ist hier ein fiktives, internationales Internet-Unternehmen, das die gesamten Geschäftsgebiete gängiger Social Media Firmen wie Instagram, Facebook oder Google vereint. Die Protagonist*innen leben in totaler Transparenz unter dem Motto „Alles Private ist Diebstahl“. Vergleichen lässt sich die Geschichte mit dem von George Orwells geschriebenen Roman “1984″, der als klassisches Beispiel für eine Überwachungsgesellschaft gilt. In Eggers Roman geht die totale Überwachung jedoch nicht wie bei Orwell vom Staat aus, sie wird durch das als “hip” beschriebene Tech-Unternehmen ausgeübt. 

Planet der Habenichtse

Ein Planet, bewohnt von Kapitalist*innen, auf dem anderen leben Anarchist*innen. Auf Urras ist die Ungleichheit unerträglich geworden, auf Anarres, einer Gesellschaft von Idealist*innen, brodelt es auch unter der Oberfläche. Shevek, Held der Geschichte, wächst auf Anarres auf und will das System auf seinem Planeten verbessern. Er reist nach Urras, um herauszufinden, warum sich sein Heimatplanet so sehr vom Rest des Universums isoliert hat. Und hier beginnt diese Geschichte, die die US-amerikanische Schriftstellerin Ursula Le Guin 1975 aufschrieb. 

Das Buch von der Stadt der Frauen

Das Werk von der italienischstämmigen Autorin Christine de Pizan wurde 1405 fertiggestellt und gilt heute als eines der ersten feministischen Werke der europäischen Literatur. In dem Buch geht es um den Bau einer Stadt, die durch die Ich-Erzählerin und die Hilfe von drei vornehmen Damen errichtet wird. Statt Steine nutzen sie als Baumaterial die Geschichten von heroischen Frauen, deren Taten vorgestellt und gepriesen werden. Entstanden ist die Geschichte als Reaktion auf ein frauenfeindliches Buch des Geistlichen Matthaeus von Boulogne. Es gilt als Ausgangspunkt für die Debatte um die Geschlechterordnung, die im 14. Jahrhundert in Europa erste Wurzeln schlug.

Altneuland

Theodor Herzl war ein jüdischer Schriftsteller und Vordenker des politischen Zionismus. 1902 veröffentlichte er seinen utopischen Roman „Altneuland“, der von der Gründung einer „neue Gesellschaft“ handelt. Diese Gesellschaft überwacht zwar die Wirtschaft und übernimmt sämtliche Aufgaben der Grundversorgung, sie ist jedoch kein Staat, sondern funktioniert wie eine Art genossenschaftlicher Großkonzern. Die gesellschaftliche Ordnung ist europäisch geprägt und schließt Nichtjuden nicht aus, sondern versteht sich als weltbürgerlich. 

Nicht-Orte

Als einen “Nicht-Ort” bezeichnet der französischen Anthropologe Marc Augé Orte, die nur eine einzige Kernfunktion haben, wie zum Beispiel Autobahnen und Flughäfen. Ihnen fehlt im Gegensatz zu einem “traditionellen Ort” Geschichte, Relation und Identität. 1992 veröffentlichte Augé dazu sein Werk, in dem er die Auseinandersetzung mit Orten und Nicht-Orten thematisiert und bewertet. Augé vertritt die These, dass Nicht-Orte hauptsächlich über ihre Ähnlichkeit zueinander einen Wiedererkennungswert entwickeln, sie aber auf das Individuum eher einsam wirken. 

Fotografie: Austin Censor