Design

Gibt es eine globale Ästhetik, Kyle Chayka?

4. Juni 2019

Wer in den letzten Jahren die Augen aufhielt, konnte es eigentlich nicht übersehen: Cafés haben sich verändert. Wir könnten das Phänomen den „generischen Coffeeshop“ nennen – ob man nun in Berlin ist oder in Peking, in London, Brooklyn, Seoul oder Tokio, überall sieht er gleich aus. Helle, weiße Wände, minimalistische Möbel, Tischplatten aus unbehandeltem Holz. Es gibt üppige Avocado-Toasts und behutsam gerösteten Kaffee in Gestalt eines Cortado oder Flat White.

Es sind die immer gleichen Leute, die diese Trittbrettcafés besuchen: Freelancer, die über ihre Laptops gebückt gerade ein Kunstwerk oder Kundenprojekt fertigstellen – irgendwie muss man sich die Cortados ja leisten können. Die daraus resultierende globale Gleichheit macht aus einer einst einzigartigen Kultur der Kreativen einen oberflächlichen Lifestyle, der mit jeder Neuauflage austauschbarer wird.

Ich habe dieses Phänomen „AirSpace“ genannt. Es sind nicht nur die Kreativen, die den AirSpace zusammenhalten. Es sind auch Dienste wie Instagram, Uber und Airbnb. Der Slogan von Airbnb propagiert den AirSpace als utopisches Ideal: „Belong Anywhere“ – „Sei überall zu Hause.“ AirSpace deshalb, weil man sich durch diese Welt wie durch Luft bewegt: einfach und komfortabel, aber ohne jede kulturelle Identität. Wer im AirSpace lebt, könnte überall sein. Es ist ein bisschen so wie bei Starbucks, wo verlässliche Einheitlichkeit verkauft wird – der Unterschied ist, dass Starbucks eine globale Kette ist.

Ich gebe zu: Ich bin kein Gegner des AirSpace. Ich mag guten Kaffee und gutes Netz; ich mag Cafés, in denen ich stundenlang sitzen und arbeiten kann. In Berlin habe ich im Michelberger Hotel geschlafen und verbrachte viel Zeit im Silo, einem Café, das mir vom ersten Moment an vertraut erschien. Dennoch beunruhigt mich dieser Stil: Er kündet von einem Konflikt zwischen dem Lokalen und dem Globalen, zwischen jenen, die von der Gentrifizierung profitieren – namentlich Tech-Firmen – und der Sehnsucht, die lokale Identität eines Ortes zu bewahren, bevor sie in einem Meer kalt gebrühten Kaffees ertrinkt.

Der Brexit und die Wahl Donald Trumps haben deutlich gezeigt, dass überall auf der Welt nationalistische Bewegungen erstarken. Sie gehen von Menschen aus, die in der Angst leben, dass ihre Jobs dem technischen Fortschritt zum Opfer fallen und ihre Identität der überwältigenden Offenheit des Internets: dem AirSpace. Isolation allerdings wird ihre Probleme nicht lösen können. Niemand kann sich vor den Konsequenzen der Innovation verstecken, niemand die Augen verschließen vor der generischen Kultur, die durch die damit einhergehende Vernetzung entsteht.

Der unbeirrte Internationalismus des AirSpace kann dieses Dilemma aber auch nicht lösen. Plattformen wie Airbnb, WeWork, und sogar Instagram separieren Nutzer (wenngleich ungewollt) nach Klasse, Rasse und Geschlecht. Wohlhabende, heterosexuelle weiße Männer können sich mühelos durch die Welt mit Airbnb bewegen, wer nicht ins Raster passt (Dunkelhäutige oder Transgender zum Beispiel) fällt durch. Wir assoziieren die cleane Ästhetik des AirSpace mit politischer und sozialer Offenheit; ein Trugschluss, denn häufig ist diese neue Welt nicht minder restriktiv und exklusiv als die der Vergangenheit, egal wie gemütlich sie sich anfühlt.



Manchmal scheint es, als würden Cafés, Restaurants und Büros in großen Städten immer austauschbarer werden. Der Journalist Kyle Chayka aus New York hat dafür ein Wort gefunden: „AirSpace“. Mehr dazu auf FvF.



Text: Kyle Chayka
Übersetzung: Florian Siebeck