Integration

Was hat Design mit sozialer Verantwortung zu tun, Corinna Sy?

4. Juni 2019

Zwischen Berlin und Mailand liegen Welten. Genauer gesagt zwischen dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg (der schöner klingt, als er eigentlich ist) und dem Salone del Mobile Milano (der ebenso elegant daherkommt, wie der Name verheißt). Dass sich diese beiden Welten einmal treffen und das verbindende Element ausgerechnet ein Stuhl sein würde, ahnte 2013 niemand. Damals campierten auf dem Oranienplatz Asylbewerber, um gegen ihre Behandlung durch die EU zu protestieren. Ein Jahr später sind fünf von ihnen auf der renommierten Möbelmesse in Mailand vertreten, dank Cucula – einem Modellprojekt für die Initiierung von Selbstwirksamkeit in einem System, das Geflüchtete allzu oft zum Nichtstun verdammt.

Dabei begann alles reichlich naiv. In einem Workshop brachte Sebastian Däschle, selbst Designer, jungen Ankommenden das Bauen von einfachen Möbeln für den Eigenbedarf bei. Das war natürlich nicht zu Ende gedacht, setzt der Besitz von Möbeln doch ein gesichertes Heim voraus – und eben daran mangelt es allen voran den Geflüchteten. Die Möbel sollten also verkauft werden, der Erlös in den Aufbau eines Bildungsprogramms fließen. Das ist nun zwei Jahre her. Inzwischen bekommen acht Trainees die Möglichkeit, sich kreativ auszuleben und ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. „Wir verstehen uns als Modellprojekt, das jungen Geflüchteten hilft, sich eine Perspektive aufzubauen“, sagt Corinna Sy, die das Projekt mit initiiert hat.

Im Mittelpunkt von Cucula stehen die Möbel des italienischen Designers Enzo Mari. Seine Idee, das Selbstbauprogramm „Autoprogettazione“, ist ein Aufruf zu Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, der mit Zustimmung des Meisters aus Mailand in die politische Realität der Gegenwart überführt wurde. Die Stühle, Tische, Regale und Betten gründen auf den Entwürfen Maris, lassen aber Raum für Weiterentwicklung und Experimente. So entstand eine Stuhlreihe aus Holzteilen von Flüchtlingsbooten, deren Überreste das Team in Lampedusa abholte. Einer dieser „Ambassador Chairs“ ist vor Kurzem in die Sammlung des Vitra Design Museums aufgenommen worden.

Ali Maiga Nouhou, cucula Werkstatt

Anstatt vielen Menschen kurzfristig zu helfen, arbeitet Cucula in einem überschaubaren Rahmen und schafft dadurch ein wichtiges Fundament. Die Geflüchteten erlernen Fähigkeiten, die sie für eine Ausbildung in handwerklichen Betrieben vorbereitet. Der zweite zentrale Pfeiler ist ein durch den Verkauf der Möbel finanziertes Bildungsprogramm. Zweieinhalb Tage arbeiten die Trainees in der Kreuzberger Werkstatt, die restliche Zeit verbringen sie mit Sprachkursen, Alltagshilfe und Rechtsberatung. Doch nicht jeder kann bleiben. Cucula bereitet die Geflüchteten auch auf eine mögliche Abschiebung vor und gibt ihnen Rückhalt, falls sie doch zurückkehren müssen.

Parallel wird daran gearbeitet, die Aufmerksamkeit auf ein Problem zu lenken, das viel zu oft vergessen wird: Ankommen in Deutschland heißt erst einmal nur körperlich ankommen. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam und so erstickt das Warten auf Papiere und Gewissheit jede Art von Eigeninitiative. Cucula hat es geschafft, den Diskurs um Integration und Flucht in den Designkontext zu überführen. Das zeigt: Egal ob Designbüro, Architekturstudio oder Tischlerei – jeder Betrieb kann Verantwortung übernehmen. Es sind die großen Fragen der Gegenwart, die oft im Kleinen entschieden werden.



Die Designerin Corinna Sy ist Mitgründerin von Cucula, einem Start-up, in dem Geflüchtete Möbel gestalten und so Zugang zum Arbeitsmarkt und Leben einer Stadt bekommen.

Da sich Cucula gerade in einem strukturellen Umbauprozess befindet können momentan leider keine Möbel erworben werden.
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Text: Antonia Märzhäuser
Fotografie: Ruth Bartlett, Verena Brüning