Stadtentwicklung

Ewig optimistisch: Gebaute Utopien am Stadtrand von Paris

10. Juli 2019

Mit Blick auf die Historie werden sie oft als menschenfeindlich eingestuft: Die brutalistischen Wohngebäude, die als Antwort auf die Wohnungsnot nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Sie verkörperten einen neuen, modernen Stil, der eine utopische Zukunft versprach. Für viele trat diese jedoch nie ein. 

Die europäische Nachkriegsmoderne stellte der breiten Bevölkerung in Aussicht, ihre Lebensbedingungen auf schnelle, bezahlbare und demokratische Weise zu verbessern. Soziale Wohnbauprojekte waren das Sinnbild dieser modernen Ideologie – leicht zu identifizieren anhand der industriellen Fertigungsmethoden und ihrer unverwechselbaren brutalistischen Formgebung. Auf einer Tour durch das Pariser Stadtgebiet haben wir Les Tours Aillaud Cité Pablo Picasso, Arcades du Lac de la Sourderie und Les Damiers in Courbevoie besucht: Häuserkomplexe aus den 70er und 80er Jahren, deren Architekten sie mit dem Ziel der sozialen Emanzipation entworfen haben.

In den 1940ern entstanden, gab der Brutalismus den funktionalistischen Bestrebungen der Moderne ihre Form, während er zugleich symptomatisch für den Umbruch im künstlerischen Ausdruck war. Mit Anleihen an Jean Dubuffets Art brut und Le Corbusiers Béton brut brachte der Brutalismus Bauten hervor, die monumental in Größe und skulptural in ihrer Form waren. Verankert in dem neuen Stil war die Überzeugung, dass sich die gesellschaftlichen Klassenunterschiede mithilfe eines rational gestalteten Wohnbaus aufheben ließen. Dieser sollte – die sozialen Problematiken im Blick – nicht nur Platz zum Wohnen, sondern auch für Erholung und Interaktion mit der Nachbarschaft bietet. Aber die Idealgesellschaft, die diese Bauten visionierten, sollte unerreichbar bleiben. Vielfach wurden die Wohnhäuser für die Probleme in ihnen verantwortlich gemacht – verrufen als Orte des Verfalls, der Kriminalität, von Kritikern abgelehnt und vielerorts wieder abgerissen.

Eine Tour durch die Pariser Vororte

Monumentale Wohnbauten der 70er Jahre

Les Tours Aillaud Cité Pablo Picasso, Nanterre

Émile Aillaud’s modernes Meisterstück

Les Tours Aillaud Cité Pablo Picasso im Pariser Außenbezirk Nanterre ist eines der wenigen Wohnprojekte, die geblieben sind. 1977 erbaut, verfügt es über 18 Türme mit über 1600 Wohneinheiten. Neben ihrer unterschiedlichen Größen verfügen die Türme über eine einheitliche zylindrische Form mit großflächigen Fassadenelemente aus blauen und grünen Glasmosaiken. Die stadtplanerische Vision des französischen Architekten Émile Aillaud ist schwer zu übersehen: In ihrer Gleichförmigkeit verleihen die abstrakten Formen dem öffentlichen Raum eine zuvor ungesehene Modernität. Für jede der Wohneinheiten gibt es einen Baum – 1600 insgesamt, in einer Landschaft aus gepflasterten Hügeln, die die Wohntürme miteinander verbinden. Das Gelände fühlt sich vertraut und fremd an, gleichzeitig verlassen und belebt. Die abgerundeten Fenster werden von ihren BewohnerInnen zum Aufhängen von Wäsche zweckentfremdet; es gibt Treppen, die ins Nirgendwo führen – kleine Anzeichen des An- und Abwesenden. Teile der Fassaden-Mosaike fehlen heute, ihre skulpturalen Kurven wirken ausgewaschen. 


Les Damiers de La Défense, Courbevoie

Ein brutalistischer Komplex im Herzen des Pariser Geschäftsbezirks

Nicht weit von Les Tours Aillaud liegt Courbevoie, der zu den am dichtesten besiedelten Bezirken Europas zählt. Les Damiers gehört zu den höchsten Gebäuden in Paris: ein brutalistischer Komplex, bestimmt von seiner auffällig kantigen Betonstruktur und, gegenwärtig, von Leerstand. Viele der Wohnungen wurden jahrelang weder instandgesetzt noch bewohnt, die Retrofassaden sind überzogen mit Schmutz. Und doch liegt ein spielerischer Rhythmus in dem Ort, der an Kindheitstage und das Stapeln von Bauklötzen erinnert. Kreisförmige Muster ziehen sich über die Außenwände, ihre Formen finden sich in den abstrakten Skulpturen wieder, die die Gehwege schmücken. Die wenigen verbleibenden AnwohnerInnen Les Damiers kämpfen einen aussichtslosen Kampf gegen Verwaltung und internationale Investoren, die an diesem Ort gerne ihre eigene Utopie in Form von Luxuswohnungen errichtet sehen wollen. 

Arcades du Lac de la Sourderie, Montigny-le-Bretonneux

Ähnlich in Monumentalität und in der Konzeption eines Gemeinschaftsortes sind die 1976 vom katalanischen Architekten Ricardo Bofill entworfenen Arcades du Lac de la Sourderie. Inspiriert von Pont d’Avignon, Château de Chenonceau und dem Aquädukt von Segovia, ragt der Gebäudekomplex in einen künstlichen See hinein. Seine ockerfarbenen Fundamente, blasspinken Steinarbeiten und Fenster spiegeln sich im trüben Blau des darunter liegenden Wassers. Im Sourderie-Viertel fühlt man sich wie in einer Malerei M. C. Eschers: ein nie endendes Labyrinth von Gängen, Höfen, perfekten Rasenflächen, geometrischen Wänden und klassischen Säulen. 

Was alle drei modernen Bauten verbindet, ist ihr Idealismus. Im Rückblick zeichnet sie die utopische Hoffnung aus, mit der sie entworfen wurden – trotz des ausgebliebenen Erfolgs. Sie sind die gebauten Versionen von möglichen Zukünften, ihre Formgebung ein romantischer Ausdruck von Moral und Ethik. Zwar sind sie charakteristisch für die Moderne, doch hat es ähnlich utopische Visionen schon immer gegeben. Soziale Stadtgestaltung reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, als Alberti und Leonardo Spekulationen über die ideale Stadt anstellten. Jede nachfolgende Architekturepoche hat ihr je eigenes Paradies entworfen. Was die Sozialbauten der Moderne allerdings bewiesen haben, ist, dass sich eine perfekte Stadt nicht so einfach planen lässt – dafür sind die menschlichen Bedürfnisse schlichtweg zu kompliziert.