Partizipation

Ein Platz für alle

5. November 2019

Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz? Selbst viele Stuttgarter*innen haben Schwierigkeiten, ihn zuzuordnen. Es gibt zwar eine nach ihm benannte Bus- und U-Bahn-Haltestelle, einen städtischen Platz gibt es in ihrer Umgebung allerdings nicht. Wenn man so will, ist er ein riesiges Elefantenklo in der Stadt: Eine Ebene, die von stark befahrenen, sich kreuzenden Straßen überzogen wird und wo sich durch die Kreisverkehr-Regelung ein riesiges Loch auf eine untere Ebene öffnet. Dort liegt er, der Österreichische Platz. Die Fläche unterm Kreisverkehr diente bis vor Kurzem als Parkplatz und Pinkelstelle, mitten in Stuttgart, bis die Initiative Stadtlücken ihn für sich entdeckte und von der Stadt die Möglichkeit bekam, ihn zu nutzen.

Caro, Hanna, Jonas, Natalie, Sascha, Sarah und Tine gehören zu den 32 Mitgliedern von Stadtlücken. Sie setzen sich auf den Asphalt in einen Kreis mitten auf dem Platz, sprechen über das, was hinter ihnen liegt. In den letzten zwei Jahren haben die Stadtlücken etwas in Stuttgart bewegt, was unbeweglich schien, sie wurden zum Stadtgespräch. Den Parkplatz unter der Paulinenbrücke, quasi die Einfahrt zum Österreichischen Platz, haben sie freigeräumt. Statt parkenden Autos finden die Stuttgarter*innen hier jetzt einen Raum für gemeinsame Veranstaltungen, Kino, Picknicks, Tanzkurse, Installationen zu Stadt, Architektur und Kunst; zuletzt wurde hier eine Boulderwand zum Klettern installiert.

Über 200 Veranstaltungen haben Stadtlücken mit Partner*innen bis heute organisiert. Immer wieder wird über die Stadt, das Wohnen, das Zusammenleben gesprochen, in offenen Diskussionsrunden. Wie kann man sich einbringen? Was bedeutet öffentlicher Raum und Boden? Wer kümmert sich darum? Und wem gehört er überhaupt? Für die offenen Gemüter der Stadt, vor allem die Kreativen, aber auch für viele darüber hinaus, ist der Platz unter der Paulinenbrücke zu einem entspannten Treffpunkt geworden.

Bei jedem Event sind ungefähr zehn Leute im Hintergrund aktiv. Jedes der 32 Mitglieder arbeitet ehrenamtlich, alle mit voller Begeisterung fürs Projekt – und alle über ihren eigentlichen Beruf und ihre Grenzen hinaus. Die meisten sind Berufsanfänger*innen, Kreative und Künstler*innen, viele Absolvent*innen der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Dort lernt man abstraktes Denken außerhalb gewöhnlicher Schranken, allerdings mit einem guten Bewusstsein dafür, was funktioniert und was nicht.

2016, nachdem Hanna und Sebastian dort ihre Abschlussarbeit über Stadtlücken abgelegt hatten, starteten sie mit weiteren fünf Gründer*innen den Verein, der ein Labor für echte Experimente werden sollte. „Endlich tut sich was in der Stadt“, dachte sich Caro damals, die von ihrem sehr marktorientierten Job frustriert war und zu Stadtlücken stieß. Wie in anderen Städten auch, herrscht in Stuttgart Immobilien- und Bodenspekulation. Freie, offene Orte werden wegsaniert. Doch es gibt viel Potenzial in der Stadt: Die Universität, die Fachhochschule und die ABK bilden Designer*innen, Architekt*innen und Stadtplaner*innen aus; Stuttgart hat mit über 4000 tätigen Architekt*innen die höchste Dichte dieser Berufsgruppe in einer deutschen Großstadt.

Erstmal Aufmerksamkeit schaffen, dachte sich die Initiative. Das taten sie mit einem selbst gebauten Kiosk, den sie unter der Paulinenbrücke einrichteten. Sie verkauften Schals und Aufkleber mit der Aufschrift „Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz?“ oder „Wem gehört die Stadt?“


„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, immer konstruktiv zu sein, nie zu schimpfen.“ (Hanna Noller)

„Es muss mehr geben als nur Plätze zum Wohnen, Arbeiten und Konsumieren“, sagt Hanna, die mittlerweile zu einer gefragten Person in Stuttgarts Stadtentwicklung geworden ist. Es geht um Räume, die offen sind, an denen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Ansichten begegnen und austauschen können, die keinem wirtschaftlichen Druck unterliegen. Andere Orte als etwa das Gerber, ein neu entwickelte Shoppingmall gleich gegenüber. Immerhin: „Dort kann man gut auf Toilette gehen“, sagt Tine.

An einem frischen Abend läuft Arno Brandlhubers und Christoph Roths Film „Property Drama“. Rund 40 Menschen sind gekommen, Studierende, Kreative, in bunter Mischung sitzen sie auf Kisten. Hinten am Kiosk stehen ein paar der Obdachlosen, die immer morgens unter der Paulinenbrücke sind. Sie gehören auch dazu, das war ja ihr Platz, bevor die Stadtlücken kamen. Als der Kiosk gebaut wurde, haben die Obdachlosen ihn nachts bewacht.

Die Geschichte von Stadtlücken ist aber nicht nur die, dass sich Menschen in selbst verwalteten Strukturen, auf freier und künstlerischer Art einem öffentlichen Gut annehmen. Denn auch das muss man bemerken: Es sind eben Künstler*innen, die diesen Platz bespielen – das macht das Programm mit seinen größtenteils kulturell anspruchsvollen Inhalten aus. Das Projekt speist sich auch aus der gegenseitigen Motivation, aus der Erfahrung, was die Kraft der Gemeinschaft bewegen kann.

Natalie, zum Beispiel, war nach dem Studium und als Fotografin schon auf dem Weg nach Berlin. Dann hat sie Stadtlücken kennengelernt – und blieb: „Es hat gleich gefunkt“. Sie habe durch die Arbeit in der Gruppe Mut, Engagement und Ehrlichkeit erfahren. Jonas, seines Zeichens Designer, kam gerade frisch aus Berlin. Stuttgart – nicht gerade die Stadt, in der was geht. Dann hat er sich Stadtlücken angeschlossen. Da geht wohl doch was. „Wir sind Lernende. Wir haben keine Haltung. Nur die, dass es informell sein soll,“ wie er sagt.

Sie haben ihre Sache so gut gemacht, dass auch der Pastoralreferent von der nahegelegen katholischen Kirche St. Maria auf Stadtlücken zukam: „Ich habe eine Kirche, habt ihr eine Idee?“ Sie hatten eine und viele mehr: Zwei Wochen lang stand ein Trampolin im Innenraum der Kirche, Tanzabende und Gespräche fanden statt. Die Kirche wurde zu einem offenen Ort für alle.

Die Stadtlücken bemerkten relativ schnell, dass es schon sehr viele Initiativen in der Stadt gibt. Sie haben sich mit ihnen vernetzt, zum Beispiel mit der Gruppierung, die sich um die Stäffele kümmert, die vielen Treppen, die die Hänge um die Stadt herum hinaufführen. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, immer konstruktiv zu sein, nie zu schimpfen“, sagt Hanna und verweist auf die Stuttgart 21-Demos. Das habe Spuren in der Stadt und im Miteinander hinterlassen.

Mittlerweile haben sie auch guten Kontakt zu allen Ämtern. Mit ihrer Initiative haben sie erreicht, dass ämterübergreifend mehr diskutiert wird. Ämter, die sich um den öffentlichen Raum kümmern, das Hochbau-, das Tiefbau-, das Stadtplanungsamt, das Grünflächen-Friedhofsamt würden nun „gezielter miteinander reden“, so Sascha. Für den besseren Dialog schlagen sie ein „Amt für öffentlichen Raum Stuttgart (AföR)“ vor, das – wenn es Realität würde – sich als Querschnittsreferat innerhalb der Stadt verstehen und sich um nicht-kommerzielle Begegnungsorte im öffentlichen Raum kümmern würde. Zunächst ist Mitte 2020 eine Ausstellung in der Architekturgalerie am Weißenhof geplant – ob es dann tatsächlich umgesetzt wird, bleibt zu hoffen.

Im Sommer 2018 fing alles an, für die Stadtlücken. Was mit dem Platz unter der Paulinenbrücke passieren wird, ist noch ungewiss, das Engagement der Initiative endete im Oktober diesen Jahres vorerst. Der eigentliche Österreichische Platz, der unter dem Elefantenklo, der ist immer noch eine Brache. Hanna träumt von einer Fußgängerrampe zum angrenzenden Heusteig-Viertel hinauf. Damit hätte er einen öffentlichen Zugang. Stadtlücken würden den Platz sehr gerne weiter bespielen, auf Grundlage der Projekte, die sie umgesetzt haben, gemischt mit neuen Ideen: Bandproberäume, Ateliers, Werkstätten, Fahrradrepaircafé, Sozialstation, Sommerkino. Für all dies ist hier Platz und noch so viel mehr.

Es gebe noch anderer solcher Lücken in Stuttgart, sagt Sarah. Die sind für sie nicht nur Baulücken, sondern auch Zeitlücken, soziale Lücken, rechtliche Lücken und Wissenslücken. Auch wenn Stadtlücken irgendwann wieder weichen werden haben sie gezeigt, wie man mit wenigen Mitteln, Kreativität, konsequentem Optimismus und vor allem mit gemeinschaftlichem Engagement diese Lücken in der Stadt für neue Ideen öffnen kann.

Als gemeinnütziger Verein freuen sich die Mitglieder von Stadtlücken natürlich über Förderung, neue Mitglieder oder Spenden.

Fotos: Stadtlücken