Zukunft

Die Stadt(r)evolution

15. Januar 2020

Wie werden wir zukunftsfähig – auf lokaler, regionaler und globaler Ebene? Die Initiative zur Campus-Stadt und Eco-City Wünsdorf erforscht diese Frage und entwickelt Antworten.

2015 beobachtet der promovierte Architekt Ekhart Hahn, wie unzählige Menschen aus globalen Krisengebieten nach Berlin kamen: „Sie durften essen und schlafen, aber sie durften nicht arbeiten. Ich sah also zu wie diese Menschen verfielen“ erzählt Hahn. Die Ursache für Flucht und Migration sieht der Universitätsprofessor neben militärischen Konflikten in der Siedlungsentwicklung und den Folgen der klimatischen Veränderungen. Bereits 1979 führte er den Begriff der „Siedlungsökologie“ ein und formulierte die These, dass vor allem die Stadt- und Siedlungsentwicklung zentrale Ursachen von Klimawandel und Umweltzerstörung seien. Für Hahn ist ein grundlegendes ökologisches Umdenken des Städtebaus Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunft.

„Egal ob Menschen hier für eine Woche, fünf Tage oder fünf Jahre sind, sie sollten etwas lernen und sie sollen ihr Leben selbst organisieren können.“ (Ekhart Hahn)

Als Beitrag zu dieser Zukunft entstand die Idee einer urbanen Lernstätte. Hier sollen Menschen aus aller Welt zusammenkommen, lernen und Impulse für eine Transformation mitnehmen. „Egal ob Menschen hier schon ihr ganzes Leben lang leben, für eine Woche, fünf Tage oder fünf Jahre, sie sollen etwas lernen und sie sollen ihr Leben selbst organisieren können“, sagt Hahn. Heute liegt der Fokus des Projekts vor allem darauf, nachhaltige Konzepte zu erproben, die ökologische Fluchtursachen lokal verhindern können. 

Unter der Leitung von Ekhart Hahn trägt die Internationale Akademie Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Eco-City in die Welt.

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für seine Idee stieß Hahn auf die ehemalige Kasernenstadt in Wünsdorf: „Ich sah die leeren Gebäude, ich sah die leeren Flächen und ich wusste, das war genau der richtige Ort für unser Projekt“ erinnert sich der Projektinitiator. 50 km südlich von Berlin gelegen, liegt die größte Militärstadt auf deutschem Boden seit über 20 Jahren im Dornröschenschlaf – sie steht wie kaum ein anderer Ort für die heißen und kalten Kriege des 20. Jahrhunderts. 

Das Eco-City Projekt soll zeigen, wie nach 100 Jahren auch Frieden zwischen Menschen und Natur möglich ist. Dafür sollen die im Wesentlichen brachliegenden baulichen Hinterlassenschaften der militärischen Infrastruktur transformiert und von Auszubildenden zum Kernbestand einer internationalen Friedensstadt umgestaltet werden.  In der Modellstadt Eco-City – International Campus Wünsdorf sollen Auszubildende, Bewohner*innen und Besucher*innen aus aller Welt erproben und erfahren, wie die Stadt von Morgen aussehen kann. 

„So eine Labor- und Modellstadt in der jeder und jede ausprobieren kann, wie es ist, Tomaten auf dem eigenen Balkon anzupflanzen oder ähnliches, was man für sich Zuhause mitnehmen kann, ist unglaublich motivierend und eine Chance für eine Zukunftsgesellschaft“ 

„Wir haben 12.000 Jahre Stadtgeschichte hinter uns. Die Städte waren immer organisiert in zellularen Strukturen: Das heißt in vernetzen Kreisläufen“, analysiert Hahn. Bis zur industriellen Revolution waren die meisten Städte darauf angewiesen nur das zu verbrauchen, was ihnen zur Verfügung stand. Hahns Stadt der Zukunft müsse zurück zur dieser zellularen Struktur, allerdings mit neuem Niveau und moderner Technologie. 

Die Militärbasis Wünsdorf liegt 40 km südlich von Berlin und hat eine lange Geschichte. Seit 1994 liegt sie brach. Jetzt soll hier ein Friedenszentrum entstehen.

Wünsdorf soll dafür Schule, Labor und Modell werden, ein erster Ort an dem erlebbare und real funktionierende Lösungen stattfinden – lokal, regional, global. So können Interessierte in der geplanten Eco-Station lernen, wie Energieströme aus Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme funktionieren, wie aus Abwasser, organischen Siedlungsabfällen und in Verbindung mit Holzkohle (Terrapreta)  fruchtbare Erde hergestellt wird, oder wie ein Kreislauf aus Wasser und Erde  für Fisch- und Gemüse sorgen kann. „So eine Labor und Modell Stadt in der jeder und jede ausprobieren kann,  wie es ist Tomaten auf dem eigenen Balkon anzupflanzen oder ähnliches, was man für sich Zuhause mitnehmen kann ist unglaublich motivierend und eine Chance für eine Zukunftsgesellschaft“, glaubt Hahn. Damit ergänzt der Campus unser auf Theorie ausgelegtes Bildungssystem um den Baustein der Praxis.

Die Akademie als weiterer Baustein des Konzepts ist das Sprachrohr der Eco-City und ein Umschlagplatz ihrer Konzepte. “Wir brauchen solche Städte überall auf der Welt“, sagt Hahn, „deshalb ist die Akademie so wichtig. Sie trägt erprobte Lösungsmodelle von Wünsdorf aus in die Welt und Menschen aus der Welt tragen wichtige Ideen und Impulse in die Eco-City“, es geht hier also um ein beiderseitiges Ausstrahlen von Wissen, betont er. Wünsdorf ist der erste Impuls für eine Bildungsstätte die sich langfristig weltweit vernetzen soll. So kann aus dem Impuls eine Bewegung, aus dem Konzept ein Prototyp und aus der Eco-City ein Netzwerk entstehen. 

Die Eco-City international Campus Wünsdorf versteht sich als konkreter Schritt zu einer grundlegenden Neuorientierung der Stadtentwicklung und ist gleichzeitig als praktischer Beitrag für eine nachhaltige Zukunft, die jetzt beginnt, konzipiert. Im nächsten Jahr finden sowohl vor Ort in Wünsdorf, als auch an verschiedenen Orten in Berlin Vorträge statt, in denen die Idee des Projekts vorgestellt wird. In Workshops können konkrete Inhalte der entstehenden Akademie praktisch erarbeitet werden. Weitere Informationen zum Projekt und Verein gibts auf der Website www.eco-city.net.

Text: Lena Heiss
Fotographie: Daniel Faro