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Die Stadt als kollektiver Raum: The Sooner Now München schaut auf die Potenziale der bayerischen Landeshauptstadt

30. Oktober 2019

MINI hat in der der bayerischen Hauptstadt mit dem MINI Pavillon ein neues kreatives Zuhause in Form eines Urban Store Konzepts gefunden. Neben Gastronomie, Coworking Space und Verkaufsfläche ist die Nutzung des MINI Pavillons als Veranstaltungsfläche und als übergreifende Dialogplattform eine wichtige Facette des Ladenkonzepts. Mit The Sooner Now hatte der zweistöckige Pavillon sein Eröffnungsevent und Interessierte konnten sich hautnah ein Bild vom ersten vollelektrischen MINI machen.

Begegnungsort, Co-Working-Space, Gastronomie und sogar ein Barbershop: Das Motto der Initiative The Sooner Now ist an diesem Ort ideal umgsetzt. Ulrike Mirbach, Marketingleiterin bei MINI Deutschland verlieh dem Abend eine Überschrift und betonte dieses Motto Eingangs noch einmal: creative use of space.

Andreas Ruby, der Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums S AM in Basel, eröffnete den diskursiven Teil mit einer Keynote, die sich kontrovers mit der Bauweise der letzten Jahrzehnte auseinander setzte. Sein Plädoyer: „Wir müssen anders gestalten als nach dem Zweiten Weltkrieg. Früher wurde ein Gebäude zu 100 Prozent als Wohngebäude genutzt. Das hat sich verändert.“ Ein wichtiger Grundsatz dabei: Ein Gebäude darf nicht mehr als Antithese zum öffentlichen Raum verstanden werden, sondern: „Wir brauchen eine neue Form der integrierten Stadt.“ Ein weiteres Manko, das er nicht nur in deutschen Städten beobachtet: Die Infrastruktur nimmt zu viel Platz weg.

Wie könnte die Zukunft aussehen? Ruby stellte dazu visionäre Wohnprojekte aus Wien und Zürich vor. Die Sargfabrik etwa, das größte selbstverwaltete und selbstinitiierte Wohnprojekt Österreichs. Sie wurde bereits 1996 in der Goldschlagstraße 169 im 14. Wiener Gemeindebezirk eröffnet. Auf dem Areal der ehemaligen „k.u.k. Sargtischlerei Julius Maschner & Söhne” existiert nun eine kleine Stadt in der Stadt. Sie bietet Wohnraum für fast 250 Menschen, einen Kindergarten, einen Veranstaltungssaal, ein Café-Restaurant, ein Badehaus und vieles mehr.

Andreas Ruby, der Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums S AM in Basel, forderte in seinem Keynote-Vortrag mehr Gemeinschaft in der Stadt.

Ein weiteres Leuchtturmprojekt für ganz Europa hat die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich realisiert. Wo früher ein Depot für Straßenbahnen stand, existiert nun eine Wohnanlage, und zwar mit „unglaublichen Gemeinschaftsfunktionen“, so Ruby. Wohnen macht nur 60 Prozent aus, öffentlich zugängliche Flächen ganze 40 Prozent. Zu letzteren gehören etwa ein verpackungsfreier Supermarkt und eine Pension. Bis ins Detail überzeugt intelligentes Design, wie Ruby mit Fotos belegte: mit holzvertäfelten Waschmaschinen und einer Sharing-Pinnwand, über die Bewohner Gegenstände wie Bohrmaschinen austauschen können.

Die Wohnformen reichen vom Mini-Apartment bis zu einer Wohngemeinschaft für 15 Bewohner*innen. „Letztere sind aber anders angelegt als Studenten-WGs, die wir alle durchlitten haben“, äußerte Ruby. Sie bieten ebenso Raum zum Rückzug wie Gemeinschaftsflächen: „Wenn ich jemandem nicht begegnen will, geht das.“ Das sei, so der Architekturexperte, die derzeit begehrteste Wohntypologie auf dem Zürcher Wohnungsmarkt. Auch das Treppenhaus ist hier kein anonymer Flur, sondern ein Raum der Kollektivität. Als herausragendes Gebäude hob Ruby auch die Zürcher Hochschule der Künste hervor, die das Architekturbüro EM2N realisiert hat. Sie bietet beispielsweise einen großräumigen Park auf 22 Metern Höhe über der Stadt.

Für Ruby leistet die Schweiz im Bereich Architektur Pionierarbeit. Das illustriert auch die von ihm für das Schweizerische Architekturmuseum S AM co-kuratierte Ausstellung „Swim City“, die zeigt, wie Flüsse als öffentlicher Raum genutzt werden und wie das Flussschwimmen zur Massenbewegung wurde. Was in Deutschland allerdings bis auf sehr wenige Ausnahmen unmöglich ist, denn hierzulande gelten Flüsse als Bundeswasserstraßen, in denen Schwimmen verboten ist. 

„Wir müssen vom Fetisch des Besitzens zu einer Erotik des Teilens“

Andreas Ruby

In der Schweiz gilt: Wenn etwas nicht ausdrücklich verboten ist, kommentiert er nonchalant: „You can get away with it“. Er lobte die Kultur der Demokratisierung des Risikos in der Schweiz. Damit eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten. Sein unkonventioneller Vorschlag daher: Man müsste in einer Stadt alle Vorschriften außer Kraft setzen und sehen, ob dann tatsächlich das Chaos eintrete.

Für Ruby muss sich ein Paradigmenwechsel verwirklichen, von der Effizienz zur Suffizienz. Anders gesagt: Wir müssen nicht schnell und möglichst kostensparend bauen sondern schonend für die Ressourcen. Weniger ist mehr und das betrifft alle möglichen Bereiche. Dabei geht es konkret um folgende Fragen: Worauf könnten wir verzichten? Wie viel brauche ich wirklich? 45 oder 33 Quadratmeter? „Wir müssen vom Fetisch des Besitzens zu einer Erotik des Teilens“, so das Fazit des Direktors des Schweizerischen Architekturmuseums.

Jörn Kengelbach die Gesprächsrunde. Eine seiner Fragen, die darauf folgte, zeigte aber auch, an welchen Stellen die diskutierenden Münchner*innen sich Verbesserungen in ihrer Stadt vorstellen können. „Ist München zu eindimensional?“, wollte er von den Teilnehmer*innen ein wenig provokativ wissen.

Der Architekt Sascha Arnold hat mit seinem Partner Steffen Werner ein stilbildendes Studio für Architektur und Innenarchitektur gegründet. Er ließ vorerst kein gutes Haar am Wohnungsbau in der bayerischen Landeshauptstadt: „Was in München gebaut wird, ist banal. Ich würde mir wünschen, dass mehr passiert. Es gibt heute kaum Möglichkeiten für neue Locations, weil alles bis aufs letzte ausgereizt ist. Deshalb entstehen wenig innovative Geschichten. Die Stadt braucht Visionen und kein Stückwerk.“ Ähnlich besorgt äußerte sich Gastronomin Sandra Forster, die mehrere erfolgreiche Restaurants wie das Kismet, das Blitz, das Charlie und das Roecklplatz in der Stadt führt: „Es gibt kaum bezahlbare Räume für Subkultur.“

Dass es um die alternative Kultur der Stadt nicht ganz so schlecht bestellt ist, zeigt das Beispiel eines Akteurs, der an diesem Abend nicht anwesend war. Daniel Hahn ist ein Endzwanziger Münchner, der mit den Veranstaltungsorten Bahnwärter Thiel, Alte Uffing oder Minna Thiel international für Aufsehen gesorgt hat. Hahn erzählt als Gast des The Sooner Now Podcast in der November-Ausgabe, wie er und seine Mitstreiter*innen ein tonnenschweres Schiff vom Ammersee auf eine Brücke im Münchner Stadtteil Sendling montierten, wie sie dort Kulturveranstaltungen kuratieren und wie der Bahnwärter Thiel – ein Ensemble aus ausgemusterten Schiffscontainern, dass auf einer Baubranche in Sendling steht – funktioniert: Als Club, Ausstellungs- und Begegnungsort für die Nachbarschaft und alle interessierten Münchner*innen. In einer Stadt wie München, in der eigentlich kein Platz ist, muss man sich den Raum selbst schaffen, wie Hahns Beispiel zeigt. Was es auch zeigt, ist, dass die zuständigen Gremien der Stadt bei guten, pragmatischen Konzepten gern mit sich reden lassen.

„Wir sind uns bewusst, dass Brücken nötig sind. Wir Kulturproduzenten wissen, dass wir verschlossene Orte öffnen müssen.“

Eva Huttenlauch

Die Paneldiskussion zeichnete deutlich nach, dass die Probleme Münchens trotz allem auch ein Umdenken anstoßen können. Carl Friedrich Eckardt, Leiter des Kompetenzzentrums Urbane Mobilität der BMW Group, monierte, dass die Suche nach Parkplätzen die Innenstadt belaste. Für Eckardt sind der Straßenverkehr und der öffentliche Nahverkehr überlastet. Es gebe hier strukturelle Probleme, die aber auch Chancen eröffneten wie Car Sharing on Demand.

Die Perspektive auf die Kunstszene brachte Eva Huttenlauch, Sammlungsleiterin und Kuratorin für Kunst nach 1945 am Lenbachhaus in die Runde. Sie erzählte von einem Projekt mit dem Titel „Eis Eisbaby“, bei dem der Künstler Daniel Man einen Eiskiosk vor dem Lenbachhaus über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren immer wieder mit neuen Graffiti besprayt hatte. Projekte, die man realisiert, weil „wir die Schwelle niedriger legen wollen. Wir sind uns bewusst, dass Brücken nötig sind. Wir Kulturproduzenten wissen, dass wir verschlossene Orte öffnen müssen.“

Huttenlauch betonte, dass es sehr viele Galerie-Off-Spaces gebe. Sie äußerte aber auch, dass für Künstler*innen in München eine Langzeitperspektive fehle und viele deshalb etwa nach Berlin, Brüssel und Wien ziehen würden. Dennoch konnte sie München eine Art von entspannter Gewachsenheit zusprechen: Hier herrsche weniger Ellenbogenmentaliät als in anderen Städten. Die Szene hier ist gewachsen, nicht jeden Tag entsteht etwas neues und man muss sich keinem intensiven Konkurrenzdruck aussetzen, um möglicherweise eine Ausstellung machen zu können. Sie plädierte dafür, das enorme Potenzial in der Kultur in München zu nutzen. Es gebe bereits großartige Projekte wie das Ausstellungswochenende „Various Others“, das mehrere Galerien ins Leben gerufen haben.

Daniel Hahn, der junge Kultuschaffende aus München, sieht im November-Podcast von The Sooner Now ähnliche Probleme, versucht aber mit seinen Mitstreiter*innen Räume zu schaffen, Beispiele zu geben, wie es den Kreativen der Stadt doch schmackhaft gemacht werden kann, in München zu bleiben. Eine seiner größten Baustellen ist momentan, wie seine Initiativen, die nicht weniger als rund 200 Menschen beschäftigen, auch langfristige Perspektiven eröffnen können.

Was mögen die Teilnehmer*innen der Runde im MINI Pavillon an München? Etwas Schwung nahm die Diskussion mit der letzten Frage auf, was die Teilnehmer*innen an München mögen. Für Jörn Kengelbach gibt es einen Favoriten: „Ich liebe es, in die Isar zu springen statt ins Schwimmbad zu gehen.“ Sascha Arnold schwärmte vom großen Angebot an Gastronomie und Kultur und lobte die kurzen Wege in der Stadt, die er am liebste mit dem Fahrrad zurücklegt. Arnold hielt aber auch fest: „Wir müssen im Kleinen anfangen, jeder kann bei sich selbst beginnen, das ist verdammt wichtig.“

Für Sandra Forster ist es die Tatsache, dass München eine gewachsene Stadt ist. Für sie ist außerdem wichtig, dass sie ihren Freundeskreis seit 20 Jahren mehr oder weniger unverändert blieb, denn: „Viele sind geblieben oder wieder gekommen.” München hat eine enorm hohe Lebensqualität und was sie im Gegensatz zu anderen Metropolen vielleicht auszeichnet ist die Tatsache, dass vieles hier über einen längeren Zeitraum gewachsen ist, dass es weniger schnell, weniger disruptiv, vielleicht, als in anderen Städten zugeht. Zuletzt bescheinigte auch Carl Friedrich Eckardt, der lange in Berlin lebte, München Vielfalt: „Hier ist jedes Quartier anders.“

Text: Annette Walter
Fotos: Thomas Dashuber