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Die Kunst des Machbaren: The Sooner Now Berlin wirft einen Blick auf die Stadt der Zukunft

13. September 2019

„Wir wissen auch nicht wie die Zukunft aussieht. Wir wollen aber darüber nachdenken, wie sie aussehen könnte.“ Keynote-Speaker Jan Edler eröffnete den gemeinsamen Ideenaustausch im Berliner FvF Friends Space mit dem Hinweis, dass es für gute Antworten zuerst gute Fragen braucht. Gemeinsam mit seinem Bruder Tim Edler gründete er im Jahr 2000 „realities:united“, ein vielfach ausgezeichnetes Studio für Kunst und Architektur, das sich kreativ mit Doppelnutzung von Infrastruktur auseinandersetzt. „Wir wollen immer noch etwas rausschlagen“, erklärte Elder anhand seiner „Lightspell“ Installation in einer U-Bahn Station in Toronto. Hier erhellen die angebrachten Leuchtelemente nicht nur den Bahnsteig, sondern zeigen auch kurze Texte, die von wartenden Fahrgästen mittels Touchscreen eingetragen werden können. 

Trotz Fertigstellung wurde die Installation aus Angst vor Hassbotschaften nie zur Nutzung freigegeben. Edler stellt sich deshalb auch der Frage nach der Mündigkeit innerhalb einer Stadt – Von wem und vor allem für wen wird sie gestaltet? Eines der Probleme ist, dass junge Menschen viel zu selten in die Planung einbezogen werden. Zum Beispiel weist der Berliner Stadtkern überraschend wenig Nutzungsspielraum auf: Architektur und Angebot richten sich vornehmlich an Touristen und Museumsbesucher. Mit ihrem Projekt „Flussbad Berlin” möchten die Edlers das ändern. Ziel der Initiative, für die die beiden Brüder seit fast 20 Jahren kämpfen, ist die Reinigung des Spreekanals entlang der Museumsinsel, um diesen für öffentliche Badestellen zu erschließen. „Gerade da, wo wir unser Kulturerbe verwahren, sollten wir viele verschiedene Zielgruppen ansprechen und Nachhaltigkeit erlebbar machen”, sagt Edler. Denn wer laut Edler die Zukunft verbessern möchte, muss “kleine Dinge finden, die ein morgen prägen können.”

Um mehr Vielfalt und neue Nutzungskonzepte ging es auch im Dialog zwischen der Architektin Nanni Grau und der Journalistin Barbara Nothegger. Nothegger lebt mit ihrer Familie im Wohnprojekt Wien, einem gemeinschaftlich geplanten und gebauten Haus, das 65 Erwachsenen und 35 Kinder ein Zuhause bietet. Grau wiederum arbeitet mit ihrem Berliner Architekturbüro „Hütten und Paläste” an der Umsetzung genau solcher offener Konzepte. Mit dem Berliner Holzmarkt hat sie zum Beispiel ein urbanes Dorf mit Kita, Veranstaltungsräumen, Restaurant, Studios und Ateliers realisiert. Nothegger und Grau sind auf dem Land aufgewachsen und bedienen sich in ihrer Arbeit immer wieder der Analogie des Dorfes, um alternative Wohn- und Nachbarschaftsmodelle in der Stadt zu beschreiben.

Was ist der Schlüssel zu mehr Miteinander in der Stadt? Und was das richtige Maß von Gemeinschaft, wenn Nachbarschaften fluktuieren und viele Städterinnen und Städter Individualität und Anonymität schätzen? „Das Wort Grenzen ist dabei essentiell. Es gibt auch zu viel Gemeinschaft“, betonte Nothegger. Im Wohnprojekt Wien bedeutet das neben demokratischer Entscheidungsfindung in der Gemeinschaft und vielen Angeboten des Teilens – Autos und Fahrräder – eben auch viel Raum für Rückzug und persönliche Entfaltung. “Unser Motto ist Individualität in der Gemeinschaft”, sagt Nothegger.

Die größte Hürde bei der Realisierung solcher Wohnexperimente sei in vielen Städten vor allem der Immobilienmarkt. „Als Architekten gucken wir schon lange neidisch nach Wien“, so Grau. In der österreichischen Metropole gehören noch fast 60 Prozent aller Mietwohnungen der Gemeinde bzw. gemeinnützigen Immobilienfirmen; in Berlin liegt der Anteil derzeit unter 15 Prozent. So können die Mieten in Wien zu großen Teilen reguliert werden, während in Berlin die Kosten für Wohnraum seit Jahren in die Höhe schießen. Außerdem achte man laut Nothegger in Wien viel mehr auf eine soziale Durchmischung innerhalb der verschiedenen Stadtteile und vergebe Wohnfläche nicht an den Höchstbietenden, sondern an das beste Konzept. 

Die Stadt von morgen liegt aber nicht nur in den Händen von Architekten, Stadtplanern und der Politik. Immer wieder zeigen Bürgerinnen und Bürger mit findigen Ideen, dass eine bessere urbane Zukunft bei jedem selber anfängt. „Unser Essen ist viel zu billig”, betonte die Berliner Köchin und Autorin Sophia Hoffmann und forderte in ihren Vortrag mehr Wertschätzung für Lebensmittel. Um die groteske Verschwendung zu reduzieren – laut Hoffmann landen in Deutschland jedes Jahr 13 Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll – sollten wir das eigene Essen wieder besser kennenlernen, uns möglichst lokal ernähren und nicht nur auf das Ablaufdatum der Verpackungen achten. Mit ihrem Kochbuch „Zero Waste Küche” bietet sie hierfür Anleitung, denn „Wertschätzen beginnt mit Wissen”, laut Hoffmann.

Für Johann Bödecker bedeutet „zero waste” Rohstoffe zirkulär zu nutzen. Seine Firma Pentatonic entwickelt gemeinsam mit internationalen Partnern wie Nike und Starbucks Kreislaufsysteme, die nach Gebrauch aus alten Produkten neue schaffen. Am Ende, davon ist der selbsterklärte Nerd überzeugt, steht dabei neben ökologischer Nachhaltigkeit auch wirtschaftlicher Gewinn. „Statt persönlichen Verzicht zu predigen, müsse man die Bedürfnisse der Menschen nur intelligent befriedigen”, so Bödecker.

Verzicht ist auch für Konstanze Meyer keine Lösung. Als Vertreterin von Clubtopia, einer vom BUND geförderten Initiative für mehr Nachhaltigkeit in der Berliner Clublandschaft, spricht sie sich für den Erhalt von Freiräumen und mehr Planungssicherheit für Clubbetreiber aus. Denn nur dann lässt sich in energieeffizientere Beleuchtungs- oder Lüftungssysteme investieren. Das Berliner Publikum ist laut einer von Meyer durchgeführten Umfrage schon jetzt bereit, entsprechende Verbesserungen mitzutragen. 

Neben Architektur prägt vor allem ein wachsendes Mobilitätsangebot das aktuelle Bild der Stadt. Während der urbane Raum zusehends knapper wird, steigt die Anzahl der Verkehrsteilnehmer und -anbieter. Fahrräder, E-Scooter, E-Roller, Autos, Busse, Straßenbahnen – eine Flut von Möglichkeiten, die uns flächendeckend und rund um die Uhr zur Verfügung stehen sollen. Wie das in Zukunft funktionieren soll, wollte Stadt- und Zukunftsforscher Ludwig Engel von der Verkehrsforscherin Laura Gebhardt, dem MINI Chef-Designer Oliver Heilmer, der Mobilitätsexpertin Katja Diehl und Ansgar Oberholz vom Institut für neue Arbeit wissen. „Wir brauchen vor allem mehr Mut zum Experiment”, forderte Gebhardt in der angeregt geführten Diskussion. „Wir müssen mehr ausprobieren, und es darf auch mal was schiefgehen.“ Die vielen neuen Mobilitätsangebote, so Gebhardt, seien zum Beispiel grundsätzlich zu begrüßen, aber es braucht hier einen besseren Überblick, der uns als Verbraucher*innen an die Hand nimmt und in situativen Entscheidungen zum bestmöglichen Verkehrsmittel leitet.

Am Rand und außerhalb der Großstadt fehlt dann wiederum genau diese Auswahl. Ohne privates Auto hat man hier oft gar keine Chancen mobil zu sein. Es geht also um eine bessere Verteilung und intelligentere Nutzung schon vorhandener Verkehrsmittel. Neue Co-Working-Konzepte im ländlichen Raum, wie von Ansgar Oberholz im Berliner Umland realisiert, können zum Beispiel die Strecken für Pendler verkürzen. Dass die Zukunft von Mobilität und die Zukunft von Stadt nicht zu trennen sind, bestätigte auch Oliver Heilmer: „Für mich ist die Stadt der Zukunft immer noch mobil. Wichtig wird aber zunehmend das richtige Verhältnis von privaten, öffentlichen und geteilten Mobilitätskonzepten.” Dies erfordert laut Heilmer die kreative Auseinandersetzung mit neuen technischen Möglichkeiten auf der einen Seite und das Erkennen von menschlichen Bedürfnissen auf der anderen.

Der neue MINI Electric, den Besucher auch vor Ort in Augenschein nehmen konnten, ist zum Beispiel auf tatsächliches Nutzerverhalten optimiert. Mit einer Reichweite von rund 270 Kilometern bei vollelektrischem Antrieb erfüllt er den Mobilitätsbedarf eines durchschnittlichen Pendlers von etwa 17 Kilometern am Tag bei Weitem. Der rote Faden, der sich durch den Nachmittag zog, fand also auch hier seinen Anschluss: Die Zukunft der Stadt wird aus vielen Ideen gemacht. Und Lebensqualität wächst, wenn Nachhaltigkeit mit sozialem und wirtschaftlichen Mehrwert verflochten werden.

Die Stadt von morgen wird aus vielen Ideen gemacht. Ein paar der Spannendsten wurden am 7. September im FvF Friends Space mit euch und klugen Köpfen aus Architektur, Kultur und Medien diskutiert.

Text: Charlotte Hölter

Fotos: Chris Abatzis