Digitalisierung

Der neue digitale Graben

13. September 2019

Kreistreue ist ein junges deutsches Wort. Es ist der Fachbegriff für ein spezifisches Migrationsphänomen. Ziehen Menschen aus Städten in die Landkreise zurück, in denen sie geboren und aufgewachsen sind, so nennt man sie kreistreu. Wie jung das Wort ist, lässt sich daran erkennen, dass man bei einer Suche im Internet nur Einträge zu einer mathematisch-geometrischen Definition findet. Empirisch ist das Phänomen der Kreistreue noch nicht erfasst, anekdotisch ist aber bekannt, dass es sich bei den Kreistreuen meist um junge Familien handelt, die ihrer Tätigkeit fast völlig ortsunabhängig nachgehen können. Wissensarbeiter, Freelancer, Kreative. Nach der Geburt des ersten oder zweiten Kindes wird in der Metropole der Umzug in eine größere Wohnung nötig, aber gleichzeitig fast unmöglich, da Anforderungen an die Wohnung und die damit zusammenhängenden Kosten nicht miteinander vereinbar sind.

In den Landkreisen, aus denen die Menschen einst wegzogen, kennen sie sich aus, sie können einschätzen, wie sich das Leben dort anfühlen wird. Nicht selten sind weitere Familienangehörige in der Nähe, zu denen man als Familie mit jungen Kindern sich gänzlich anders hingezogen fühlen kann als ohne Kinder. Günstiger Wohnraum, Natur und halbwegs schnelles Internet sind Voraussetzungen. Die Nähe zur Metropole und die Möglichkeit, punktuell wieder in sie einzutauchen, runden das Paket ab, das die Kreistreuen buchen. Besonders gut funktioniert das zwischen Berlin und Brandenburg. Es sei angemerkt, dass der exakt gleiche Migrationsreflex auch bei kreisfremden Menschen anzutreffen ist.

Ende der Neunzigerjahre glaubte man, ein digitaler Graben verlaufe vor allem zwischen dem globalen Norden und globalen Süden, bedingt durch mangelhaften infrastrukturellen Ausbau des Internets. Die Annahme war, dass der digitale Graben in erster Linie technisch bedingt und damit auch technisch zu lösen sei. Über diesen digitalen Graben spricht heute kaum jemand mehr, das technisch-geografische Gefälle ist fast geheilt. Es gibt jedoch einen neuen digitalen Graben, der von anderen aktuellen Gräben geschickt verdeckt wird und doch bei genauerem Hinsehen sie alle überragt. Giovanni di Lorenzo schreibt in der Zeit über diese gesellschaftliche Gräben: „Sie verlaufen zwischen Stadt und Land, zwischen Reich und Arm, zwischen gut gebildet und bildungsfern.”

Stadt und Land. Der zögerliche Ausbau des schnellen Internets in Deutschland ist hinlänglich besprochen worden, die Defizite sind bekannt. Die Rückständigkeit ländlicher Regionen durch fehlende Bandbreite ist ein dramatisch banaler Zustand, von mangelndem mobilem Internetzugang und schlechter Versorgung in öffentlichen Verkehrsmitteln ganz zu schweigen. Kreistreue ziehen nicht in Regionen, in denen wackelige sechs Megabit Bandbreite zur Verfügung stehen. Dass der Ausbau immer noch politisch halbherzig vorangetrieben wird, ist dabei der eigentliche Skandal. Das Fehlen innovativer Mobilitätskonzepte, mit denen man dem Datenfeldweg entkommen könnte, betont auf analoge Weise den digitalen Graben zwischen Stadt und Land.

Ansgar Oberholz bei The Sooner Now 2019 im FvF Friends Space.

Reich und Arm. Die Kluft verläuft zwischen denen, die Algorithmen programmieren, vermarkten, verstehen können, und jenen, die von ihnen gesteuert werden. Die meisten Jobs, die heute von Algorithmen gesteuert werden, wie Pakete-Ausliefern, Uber-Fahren, das Laden von E-Scooter-Batterien – diese gerade neu entstandene Berufsgruppe nennt man „Juicer” – werden wohl als Erstes automatisiert werden und wegfallen. Berufe, die heute schon oder bald von Maschinen erledigt werden können, sind folglich schlecht bezahlt und haben keine Zukunft. Die Digitalisierung ist der Turbolader für die Kluft zwischen Arm und Reich.

Gut gebildet und bildungsfern. Beim Thema Bildung und Digitalisierung existiert ein Paradoxon. Auf der einen Seite ist digitale Bildung nötig, um im digitalen Zeitalter nicht als Juicer arbeiten zu müssen. Auf der anderen Seite hält jeder, der sich mit der Digitalisierung auskennt und seine Kinder liebt, diese möglichst lange von entsprechenden Endgeräten fern und begrenzt die Bildschirmzeit. In bildungsfernen Umfeldern hingegen findet der Einsatz von Smartphones bei Kindern deutlich früher statt, die neue Technologie ersetzt fast schon den Babysitter. Paradox daran ist, dass nicht die frühe Berührung mit digitaler Technik mehr Kompetenz hervorruft und die komplette Ausgrenzung alles Digitalen eben auch nicht.

Am dramatischsten bei aller Polarität, die diese Gräben erzeugen, ist die Tatsache, dass die Anziehungskraft von Populismus leider auch genau entlang dieser Grenzlinie verläuft und damit der globale Populismus am Ende auch ein mittelbares Phänomen der Digitalisierung ist. Nicht umsonst ist eines der greifbarsten Feindbilder der Latte-Macchiato-Trinker mit Laptop auf dem Schoß. Er steht auf der Gewinnerseite des Grabens. Auch wenn er mittlerweile eher Flat White mit Hafermilch trinkt.

Die Gräben sind fragmentiert, ausgefranst, teilweise absurd schwer zu fassen, und sie ändern gerne ihren Verlauf in kurzen Zeitabschnitten. Gerade deshalb ist es so wichtig, Brücken zu errichten, um die Ränder wieder zu glätten und zusammenzuführen. Dazu brauchen wir vor allem Mut! Den findet man im Moment weder in der Politik noch wirklich konsequent in der Wirtschaft. Wir brauchen eine radikal neue Idee für Bildung. Das Schulsystem benötigt nicht kleine Verbesserungen, es sollte
von Grund auf neu gedacht werden. Wissensvermittlung und Erziehung verlaufen noch immer so, als gäbe es das Digitale nicht und als wäre alles Digitale nur bildungsböse. Die Durchlässigkeit in unseren Bildungssystemen könnte gerade mit Hilfe neuer Technologien auf ein neues Level gebracht werden. Leider wird diese Chance nicht ergriffen.

Wir brauchen innovative Mobilitätskonzepte, die für Städte und den suburbanen Raum gleichermaßen gedacht und geplant werden sollten. Immobilität auf dem Lande ist ein Treiber für Ressentiments und Vorurteile. Die Verbindung zwischen Stadt und suburbanem Raum kann Durchmischungen erzeugen, die allen zugutekommen und wirtschaftliche Vorteile als Effekt haben können. Nur wenn wir den ländlichen Raum stets mitdenken, werden wir auch in den Städten nachhaltigen Fortschritt erlangen.

Konsequenter geförderter Breitbandausbau auch in den entlegensten Regionen muss politisch, nicht privatwirtschaftlich durchgesetzt werden. Er ist der Nährboden für Möglichkeiten, die wir heute noch gar nicht alle kennen. Zudem ergänzt der Zugang zu Daten die Mobilität, denn wenn Pendler gut digital angebunden sind, dann können sie auch von zu Hause aus arbeiten. Dazu gehört allerdings auch, dass Unternehmen ihre oft von Präsenzkultur geprägten Strukturen in echtes ortsunabhängiges Arbeiten transformieren. Wenn wir dieses Problem lösen, wird sich niemand mehr darüber streiten, ob Fahrtzeit auch Arbeitszeit ist.

Vielleicht sind die Kreistreuen ein guter Prototyp und leben das bereits vor. Ihre eigentliche Arbeit ist ortsunabhängig, gleichzeitig benötigen sie aber Orte mit guter Anbindung. Sie sind geprägt vom Leben in suburbanen und urbanen Räumen. Sie werden die Schulen und Bildung im ländlichen Raum beeinflussen. Sie sind mobil und ortsgebunden zugleich, und sie haben das Potenzial, auch die menschliche Brücke zu errichten, um Themen von mehr als einer Seite zu beleuchten.

Die Kreistreue hat das Zeug, zu einem Megatrend anzuwachsen, wenn Menschen nicht mehr nur in die Landkreise ziehen, aus denen sie stammen, und wenn man bald ein weniger deutsches Wort dafür gefunden hat. Countryflips, Crosstowner oder Urbanländler? Wir dürfen auf den ersten Wikipedia-Eintrag zu diesem Phänomen gespannt sein.

Ansgar Oberholz ist Gründer und Geschäftsführer des St. Oberholz, einem Co-Working Café in Berlin Mitte, sowie dem Institut für neue Arbeit. Bei The Sooner Now 2019 in Berlin sprach er über Digitalisierung im Kontext von Arbeitsmodellen und Mobilität.

Text: Ansgar Oberholz