Zukunft

Das war The Sooner Now 2019

30. Januar 2020

Das Leben in der Stadt geht weit über die Stadt hinaus. 2019 ging The Sooner Now auf die Suche nach den Themen, die uns heute und morgen bewegen werden, von zirkulärer Wirtschaft über neue Formen des Zusammenlebens bis hin zu einer zukünftigen Mobilität, die auf jedes Bedürfnis passt. Die Zukunft von morgen wird heute schon gemacht, das gibt umso mehr Anlass, sich mit ihren drängendsten Fragen zu befassen.

MINI Deutschland und Freunde von Freunden brachen zum Ende der Dekade mit neuen Ideen auf. Seit 2016 etabliert sich The Sooner Now als erkenntnisreiche Dialogplattform und auch 2019 fanden bei zwei spannenden Veranstaltungen in München und Berlin wieder urbane Vor- und Querdenker*innen zusammen. Zudem wartet The Sooner Now mit einem neuen, eigenen Podcast und einem Onlinemagazin auf. Auf allen Kanälen diskutierten wir über die Stadt von morgen, drehten spannende und informative Runden mit klugen Köpfen und schauten, wo sich in der Welt interessante Zukunftsideen entfalten. Und wieder haben wir viel gelernt: was alternative Wohnkonzepte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tun können und wie die Mobilität von morgen aussehen kann, wie sich Food Waste und Müllberge vermeiden lassen und warum der öffentliche Raum so wichtig ist. Die folgenden Zahlen, Fakten, Gedanken und Bilder sind uns dabei besonders in Erinnerung geblieben.

1. Warum Wohnraum weniger wird und wie wir ihn effektiver nutzen können

In deutsche Metropolen wird es eng. Während die Einwohnerzahlen in Städten wie Hamburg, München und Berlin in die Höhe schießen, wird bezahlbarer Wohnraum zusehends knapp. Apartmentsuche: für viele Städter*innen auch 2019 ein Angstthema. Dabei hat sich der individuelle Raumverbrauch in Deutschland zudem seit den 1960er-Jahren von ca. 20m² auf bis zu 45m² pro Kopf im Jahr 2014 angehoben.

Andreas Ruby, Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums (S AM) in Basel, überrascht der Wohnraummangel nicht: „Ein Großteil der Wohnungen auf dem Markt ist für Kleinfamilien ausgelegt, die heute allerdings nur noch 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen,“ erklärte er im Oktober bei The Sooner Now München. Der Anteil von 1-2 Personen-Haushalten sei in Mitteleuropa dagegen auf 60 Prozent gewachsen. Was tun? „Wir müssen Städte anders gestalten als nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagte Ruby und verwies auf Konzepte, die knappen innerstädtischen Wohnraum effektiver, weil gemeinschaftlich, nutzen. Sogenannte Cluster-Apartments zum Beispiel kombinieren geschickt private mit geteilten Flächen: ideal für Singles und kleine Haushalte. Noch besser sind ganzheitliche Ansätze wie die Zürcher Kalkbreite oder die Sargfabrik Wien. Letztere ist Österreichs größtes selbstverwaltetes Wohnprojekt und bietet heute 256 Menschen ein Zuhause – mit Kindergarten, Cafés, Kulturzentrum, Bibliothek und öffentlichem Badehaus.

Dass sich Wohnprojekte auch langfristig bewähren können, weiß unsere Autorin Angelika Hinterbrandner. In ihrem Artikel über kooperatives Wohnen berichtet sie vom Terrassenhaus Graz in Österreich, das schon bei der Fertigstellung in den 1970er-Jahren als wegweisendes Beispiel galt. „Noch heute erfreut sich der Bau mit seinen 522 Wohnungen – bestehend aus unterschiedlichsten Typen, wie Terrassenwohnungen, Maisonetten, Atelier-Einheiten, und Dachterrassen-Wohnungen – großer Beliebtheit.”

Die Terrassenhaussiedlung im österreichischen Graz wurde Mitte der 1970er-Jahre bezugsfähig. Heute wie damals ist sie ein begehrter Wohnort. (Foto: Andrea Singer)

Damit solche Alternativen eine Chance bekommen, sind die Kommunen gefragt. „Wohnexperimente sind oft nur durch Konzeptverfahren möglich”, erklärte Barbara Nothegger im September bei The Sooner Now im Berliner FvF Friends Space. Bei solchen Verfahren werden Grundstücke nicht wie oft üblich an den finanzstärksten Investoren sondern an die beste Idee vergeben. Die österreichische Journalistin hat so gemeinsam mit 70 Wiener*innen das Wohnprojekt Wien realisiert. Im „Sieben Stock Dorf”, wie sie das in Gemeinschaft geplante und gebaute Haus in ihrem gleichnamigen Buch (2017, Residenzverlag) liebevoll nennt, gibt es neben individuell zugeschnittenen Wohnungen viel Platz für Begegnung. Dachterrasse, Veranstaltungsräume und Garten werden gemeinsam genutzt; auch beim Werkzeug, der Skiausrüstung oder dem Auto wird geteilt. Das funktioniert, weil es klare Grenzen gibt. „Unser Motto lautet: Individualität in Gemeinschaft leben”, so Nothegger.

Bei The Sooner Now im Berliner FvF Friends Space wurde viel diskutiert: Wie sieht die Stadt von morgen aus und was können wir heute schon dafür tun?

Konzeptverfahren setzen sich langsam auch in Deutschland durch – zum Glück, findet die Berliner Architektin Nanni Grau. „Gerade die Stadt Berlin hat in den 1990er-Jahren kommunalen Wohnraum im großen Stil veräußert und bezahlt das jetzt mit wuchernden Mieten”, erklärte sie bei The Sooner Now Berlin. Während in Wien, der „Hauptstadt des bezahlbaren Wohnens” (Zeit Online), 62 Prozent der Menschen in einer geförderten oder stadteigenen Wohnung leben, sind es in Berlin gerade mal 16,4 Prozent. Konzeptverfahren können nicht nur Bürgerengagement in Stadtplanungsfragen fördern, sie erlauben auch wegweisende Experimente beim Wohnungsbau. Denn der, so Grau, entspricht oft nicht mehr heutigen Lebensentwürfen. Wir ziehen häufiger um und wechseln öfter die Berufe, während die Grenze von Wohn- und Arbeitsraum zusehends verschwimmt. 

Je weniger Nutzung ein Gebäude vorschreibt, desto langlebiger ist es.

Nanni Grau (Hütten und Paläste)

Mit ihrem Berliner Büro Hütten und Paläste setzt Grau deshalb auf offene, modulare Architekturen, die möglichst verschiedene Nutzungskonzepte zulassen. Beim Holzmarktdorf, einem Vorzeigeprojekt für Kultur, Arbeiten und Wohnen in Berlin Mitte, gab das Büro zum Beispiel nur einen groben strukturellen Rahmen vor, der aktuell für eine Kita, Restaurants, Veranstaltungsräume und Ateliers genutzt wird. Sollten sich die Bedürfnisse morgen – oder in zehn Jahren – ändern, macht die Architektur das mit, so Grau, „je weniger Nutzung ein Gebäude vorschreibt, desto langlebiger ist es.”

Ein Vorzeigeprojekt für Kultur, Arbeiten und Wohnen: das Holzmarktdorf in Berlin Mitte. (Foto: Aimee Shirley)

2019 hat gezeigt, dass Städter*innen zukünftig enger zusammenrücken müssen. Und laut Andreas Ruby muss das nichts Schlechtes sein: „Wir müssen eine Kultur der Dichte etablieren, um zu entdecken, dass Urbanität keine Belastung sein muss, sondern einen Hedonismus der Nähe erzeugen kann.” Gute Konzepte dafür gibt es. Gelingen können sie dann, wenn Politik, Architektur und Bürger*innen an einem Strang ziehen.

2. Wie Fortbewegung und Verkehr die städtischen Räume prägen

Carsharing, Rollersharing, Fahrradsharing, Taxis, Uber, U-Bahn, S-Bahn, Bus… Die Möglichkeiten für Stadtbewohner*innen, sich individuell fortzubewegen, sind vielfältig. Einige Neuerungen, wie sie angenommen werden, weisen darauf hin, dass es bei den Menschen ein Bedürfnis nach effizienter Mobilität gibt. Sie stehen aber auch symbolisch dafür, dass jede*r sich die Fortbewegung im öffentlichen Raum selbst aneignet: Manche fahren zu Zweit kilometerweit auf E-Rollern, anstatt nur die letzten Meter, andere tun sie lieber ins Hafenbecken, wie 2019 in Marseilles.

Olivier Reppert, CEO des Carsharinganbieters ShareNow und Architekt der „blinden Heirat“ zwischen Daimler (car2go) und BMW (DriveNow) sprach im Podcast bereits von Zukunftsideen des Sharingangebots. Auch Künstliche Intelligenz und autonomes Fahren könnten künftig eine Rolle spielen: Wenn gerade kein Sharingauto in der Nähe ist, kommt es bald vielleicht ganz allein zu den Nutzer*innen. Der Ansatz der Mietangebote ist und bleibt bestechend: Nicht jeder Mensch kann sich ein eigenes Auto leisten. Wer aber nicht immer auf Komfort, Flexibilität und Unabhängigkeit verzichten möchte, ist beim Carsharing gut aufgehoben.

Ein grundlegendes Problem identifizierte Laura Gebhardt vom Institut für Verkehrsforschung ebenfalls bei The Sooner Now Berlin. Demnach fehle vielen noch der Überblick, ein Service, der verschiedene Angebote erfasst und Verbraucher*innen, je nach Situation, das optimale Verkehrsmittel empfiehlt. Weiter ist man da schon in Wien, Antwerpen, Helsinki und in anderen Städten. Die finnische App Whim führt viele Mobilitätsangebote zusammen und ermöglicht deren Nutzung in einem Abo-Modus. Anfang 2019 expandierte Whim in die USA, in Deutschland sucht man ein ähnliches Angebot heute noch vergebens.

Dr. Carl Friedrich Eckhardt, Leiter des Kompetenzzentrum Urbane Mobilität der BMW Group benannte bei The Sooner Now in München strukturelle Herausforderungen: „Straßenverkehr und öffentlicher Nahverkehr sind überlastet, es braucht neue Ansätze wie Ridesharing und intelligentes Parkplatzmanagement.“ Anbieter wie ShareNow sind nach der Fusion von car2go und DriveNow schon auf dem Weg, ihre Angebote noch feiner auf die Bedürfnisse der Menschen und auf die Gegebenheiten im urbanen Raum anzupassen.

Nur wenn wir den ländlichen Raum stets mitdenken, werden wir auch in den Städten nachhaltigen Fortschritt erlangen.

Ansgar Oberholz

Ansgar Oberholz, Gründer des berühmten Berliner Cafe St. Oberholz und des Instituts für neue Arbeit, weiß, dass solche Entwicklungen nicht auf die städtischen Räume begrenzt bleiben dürfen. Menschen, die der Großstadt überdrüssig werden, zieht es immer wieder in die ländlichen Räume. Hier müssen, so Oberholz, Alternativen für Pendler*innen geschaffen werden, sodass sie sich nicht abgehängt fühlen: „Nur wenn wir den ländlichen Raum stets mitdenken, werden wir auch in den Städten nachhaltigen Fortschritt erlangen,“ so Oberholz bei The Sooner Now Berlin.

Ludwig Engel, Oliver Heilmer, Katja Diehl, Laura Gehbardt und Ansgar Oberholz sprachen bei The Sooner Now Berlin 2019 über neue Wege in der Mobilität. (Foto: Chris Abatzis)

Die Zukunft der Mobilität ist eines der großen Themen unserer Zeit, auch, weil wir uns bewusster werden, dass unser Planet endliche Ressourcen hat und unser Verbrauch nicht grenzenlos sein kann. Dazwischen müssen wir immer neu abwägen, ob wir unseren privaten Bedürfnissen nach Komfort nachgeben oder ob wir uns an Lösungen orientieren, die dem Allgemeinwohl vielleicht von Vorteil wären. Oliver Heilmer, MINI-Designer, der den neuen MINI Electric entworfen hat, hielt bei The Sooner Now Berlin fest: „Für mich ist die Stadt der Zukunft immer noch mobil. Wichtig wird aber zunehmend das richtige Verhältnis von privaten, öffentlichen und geteilten Mobilitätskonzepten.”

Keine Stadt ohne Bewegung – in den Metropolen der Zukunft werden innovative Mobilitätskonzepte eine tragende Rolle spielen. Schließlich wollen auch Bewohner künftiger Megacitys flüssig durch den Verkehr kommen. Als Antwort auf die Anforderungen der wachsenden Städte wurde bereits in den 1950er-Jahren die Idee eines urbanen Stadtautos geboren, das seinen Fahrer schnell ans Ziel bringt. So konzipierte Alec Issigonis im Jahr 1959 den ersten Mini – ein wendiges Fahrzeug, das optimal an die Verkehrssituation in den Innenstädten angepasst ist. Das Leitmotiv, das Issigonis dabei verfolgte, gilt heute mehr denn je: „Creative Use of Space – die maximale Nutzung von minimalem Raum.“ Anknüpfend an die Ideen des Visionärs Issigonis steht heute der erste vollelektrische MINI in den Startlöchern und ist ab März in Deutschland verfügbar: Der MINI Electric bewegt sich flexibel, energieeffizient und geräuscharm durch die Stadt der Zukunft.

3. Das städtische Umfeld wandelt sich und damit auch unser Arbeits- und Konsumverhalten

Ob im Büro, im Co-Working-Café oder zuhause: für Städter*innen sind die Grenzen zwischen Arbeit und Leben zusehends fließend. Umso wichtiger, dass sich beides gut miteinander verbinden lässt. Für Andreas Ruby bedeutet das „zurück zur funktionell durchmischten Stadt der Gründerzeit”; einer Stadt der kurzen Wege, in der man die Dinge des täglichen Bedarfs in unmittelbarer Nähe findet und in der Wohnen und Gewerbe vielschichtige, gesunde Nachbarschaften bilden. Diese Dichte ist auch wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, findet Stadt- und Zukunftsforscher Ludwig Engel in der ersten Folge unseres Podcasts: „Wie wir zusammenleben und arbeiten hat Auswirkungen darauf, wie wir miteinander umgehen und welche Idee von Leben und Arbeit wir entwickeln können.”

Dass es neue Ideen braucht, zeigt vor allem unser Verhältnis zu den Dingen in unserem Leben. Wertvolle Rohstoffe für Konsumgüter wie Computer oder Smartphones werden zusehends knapp, während sich andernorts Elektroschrott zu Bergen türmt. Wie wir unsere Gebrauchsgegenstände möglichst nachhaltig herstellen, ist die große Frage unserer Zeit. 

Kreislaufwirtschaft ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesellschaft – ohne Verzicht.

Johann Bödecker (Pentatonic)

Eine mögliche Antwort gab Johann Bödecker bei The Sooner Now Berlin. Mit seiner Firma Pentatonic entwickelt der Industriedesigner gemeinsam mit internationalen Partner*innen zirkuläre Systeme, in denen aus Abfall neue Produkte entstehen. Mit Sportbekleidungshersteller Nike entstand so zum Beispiel ein Kleiderbügel aus Textilresten (Infinity Hanger), mit Starbucks ein stylischer Sessel, aus alten Kaffeebechern hergestellt. Diese Pilotprojekte sind nur der Anfang, versprach Bödecker, denn gerade tüftelt Pentatonic an den dringend nötigen Rücknahme-Systemen, die Rohstoffkreisläufe im großen Maßstab schließen. Für ihn steht fest: „Kreislaufwirtschaft ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesellschaft – ohne Verzicht.”

Pentatonics Infinity Hanger entsteht aus in der Produktion übrig gebliebenen Stoffen und Kund*innenrücksendungen. (Foto: Pentatonic)

4. Bewusste Ernährung dient nicht nur der eigenen Gesundheit, sie kann auch gut für die Umwelt sein

Der Mensch steht ganz oben in der Nahrungskette und lässt es sich auch gerne mal etwas über den Hunger hinaus schmecken. Jedes Jahr landen in Deutschland dabei etwa 13 Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll. Gründe dafür sind aber nicht nur die zu großen Augen und die zu kleinen Mägen, sondern viel mehr die billigen Preise der Lebensmittel und zu wenig Zeit, die Konsument*innen in die Planung und Beschaffung ihrer Einkäufe investieren.

Da wir aber alle wissen, dass nur ein leerer Teller Sonnenschein bringt, kämpfen mittlerweile viele Konsument*innen gegen die Verschwendung. Die „Zero Waste“ Bewegung ist in den letzten Jahren zum Trend geworden und liefert mit ihrer „Leaf To Root“ Philosophie einen neuen Denkanstoß. Doch wie funktioniert das Ganze? Und was bedeutet „Vom Blatt bis zur Wurzel“ überhaupt? 

Beim The Sooner Now Event in Berlin beantwortete uns Sophia Hoffmann viele unserer Fragen und fasste ihre Herangehensweise in einem kurzen Artikel für uns zusammen. „Wenn ich einen angeschlagenen Apfel sehe, denke ich nicht über die braune Stelle nach, sondern über die 80 Prozent intakten Fruchtfleisches und was ich damit noch alles anstellen kann. Ich sehe keine Mängel, sondern Möglichkeiten. Ich finde Lösungen“, sagte Hoffmann zu Beginn ihres Vortrags. Die Köchin und Aktivistin ist mit ihrem neuen Kochbuch „Zero Waste Küche” eine echte Pionierin auf dem Gebiet. Sie bringt Lebensmittelwertschätzung in die Küchen der deutschen Haushalte zurück. Mit ihrem Buch bietet sie eine Anleitung, um Rohstoffe nachhaltiger nutzen zu können, denn „Wertschätzen beginnt mit Wissen.” 

Ein weiterer Aspekt ist die Produktion und Herkunft der Lebensmittel – am besten regional und Bio sollte es sein. Das sieht nicht nur Hoffmann so, auch Anne-Kathrin Kuhlemann, Mitgründerin der Stadtfarm und Geschäftsführerin der TopFarmers GmbH, legt Wert auf eine nachhaltige Herkunft unserer Lebensmittel. Kuhlemann verbindet moderne Technologien mit Natur und lässt in ihrem Kreislaufsystem in der Stadtfarm mitten in Berlin jährlich mehrere Tonnen Fisch, Gemüse und Obst entstehen. Wir besuchten sie im September im Gewächshaus und sprachen mit Anne-Kathrin Kuhlemann persönlich. „Wir wollen, dass ein anderes Bewusstsein für Lebensmittel entsteht, denn in diesem Punkt können wir uns jeden Tag aktiv dafür entscheiden, mit unserem Einkauf auch unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern“, sagte sie bei unserem Besuch. 

Nahrung spielt eine wichtige Rolle in unser aller Leben. Sie macht unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aus. Gerade in dicht besiedelten Städten leben die meisten Menschen ohne Garten und verlieren schnell den Bezug zu ihren Lebensmittel und der Landwirtschaft. Wer also nicht das Glück hat, die selbst gepflanzten Tomaten aus dem Garten zu ernten, ist auf einen bestenfalls nachhaltigen Konsum von lokalen Lebensmitteln angewiesen.

5. Warum die Stadt Raum für Kunst- und Kulturschaffende braucht

Seit Jahren schon weiß man es. Künstler*innen und Kreative sind oft jene, die vernachlässigte Stadtteile aufwerten. Sie eröffnen Clubs und Galerien, ziehen Interessierte aus der ganzen Stadt an, sie eignen sich alte, verlassene Räume an und erschließen Viertel somit neu und am Ende können sie sich die Gegend, die sie schöner gemacht haben, nicht mehr leisten. 2019 stand bei The Sooner Now auch im Zeichen der Frage, wie Kunst und Kultur die Stadt der Zukunft nachhaltig positiv beeinflussen können – und wie sich Kulturschaffende neue Räume erschließen können.

München ist eine dichte Stadt. Es gibt eigentlich wenig Platz für neue Viertel oder besonders viel neuen Wohnraum, der geschaffen werden könnte. Die Gastronomin Sandra Forster stellte beim The Sooner Now Event in München fest: „Es gibt kaum bezahlbare Räume für Subkultur.“ Als Betreiberin verschiedener Restaurants und eines Clubs, dem Blitz, weiß sie, woran es in der bayrischen Landeshauptstadt hapert. Eva Huttenlauch, Sammlungsleiterin und Kuratorin für Kunst nach 1945 am Münchner Lenbachhaus ist sich bewusst, dass „Brücken nötig sind. Wir Kulturproduzenten wissen, dass wir verschlossene Orte öffnen müssen.“ Vernetzung kann dabei helfen: Seit 2018 tun sich Münchner Galerien, Museen und Off-Spaces beim Ausstellungswochenende „Various Others“ zusammen und sorgen damit auch international für Aufsehen.

Es wurde viel über München diskutiert, im MINI Pavillon, dem neuen Urban Store Konzept am Lenbachplatz. Ein Protagonist der Münchner Kulturszene, Daniel Hahn, war an diesem Abend nicht anwesend, sprach im The Sooner Now Podcast aber über seine Kulturprojekte in München. Mangels des verfügbaren Raums setzte er mit seinen Mitstreiter*innen einen Ausflugsdampfer von Ammersee auf eine Brücke. In der Alten Utting gibt es heute Konzerte, Theater und Lesungen. Fast um die Ecke, auch in Sendling, bauten sie mehrere ausgemusterte Schiffscontainer als Club und Veranstaltungsort auf. Sein Beispiel zeigt, dass man sich Räume selbst schaffen muss. Fast so, wie Künstler*innen, die Stadtviertel aufwerten, nur, dass es in München eigentlich wenig aufzuwerten gibt. Hier ist es die Notwendigkeit, aus der heraus Hahn und seine Mitstreiter*innen handeln, zum Wohle der Bewohner*innen, denn, wie er sagt, „Kultur ist auch ein Mittel, das den sozialen Frieden gewährleistet.“

Grundsätzlich sind Kunst und Kultur in all ihren Formen lebenswichtige Bausteine für Städte. Sie sind Bildungsangebote, Unterhaltung, sie fordern heraus und öffnen Themen für Stadtbewohner*innen, mit denen sie sonst nicht unbedingt in Berührung kommen. Von daher sollten Gesellschaft und Politik immer hinterfragen, wie hilfreich es ist, wenn Kultur plötzlich keinen Raum mehr findet.

6. Der öffentliche Raum hält alles zusammen. Er braucht Wertschätzung und kooperative Nutzungskonzepte

Urbane Zentren definieren sich durch ihre öffentlichen Räume: lebendige Straßen, gepflegte Grünflächen, imposante Plätze – ohne sie ist Stadt für uns nicht vorstellbar.  The Sooner Now 2019 fragte: Von wem wird dieser Raum eigentlich gestaltet? Und für wen?

In vielen Städten wird privater und öffentlicher Raum heute strikt getrennt. Das muss sich ändern, findet Andreas Ruby, Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums S AM in Basel „Wir brauchen eine neue Form der integrierten Stadt“, forderte er bei The Sooner München im neuen MINI Pavillon. Seiner Meinung nach darf ein Gebäude heute nicht mehr als Antithese zum öffentlichen Raum verstanden werden, sondern sollte sich in das Stadtgeschehen integrieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kalkbreite in Zürich. In der Genossenschaft macht Wohnen nur 60 Prozent, öffentlich zugängliche Flächen ganze 40 Prozent aus. So haben alle Bewohner*innen am Ende mehr Raum zur Verfügung. 

Mehr Platz für Gemeinsames möchte auch der Verein Stadtlücken aus Stuttgart. Mit ihren Mitstreiter*innen schafft Hanna Noller Räume, die offen für alle sind „Es muss mehr geben als nur Plätze zum Wohnen, Arbeiten und Konsumieren“, sagte sie im November 2019 im Beitrag über ihre Initiative. 

 Wir brauchen eine neue Form der integrierten Stadt.

Andreas Ruby (S AM, Bern)

Deshalb verwandelte der Verein den brachliegenden Parkplatz unter der Stuttgarter Paulinenbrücke in einen Raum für gemeinsame Veranstaltungen, Kino, Picknicks, Tanzkurse, Installationen zu Stadt und Architektur. Auch wenn das Projekt mittlerweile beendet wurde, gibt es noch viele weitere Stadtlücken in Stuttgart und der Welt, sagte Sarah Ann Sutter, ebenfalls Mitglied des Vereins. Baulücken, so Sutter, sind auch Zeitlücken, soziale Lücken, rechtliche Lücken und Wissenslücken. Und auch wenn die Projekte in ihnen irgendwann weichen müssen, zeigen sie, wie man mit wenigen Mitteln und viel Kreativität urbane Brachen mit neuen Ideen beleben kann.

Ein mal im Jahr schwimmen Teilnehmer*innen des Berliner Flussbad Cup durch den Spreekanal, der unter Anderem an der Museumsinsel vorbeiführt. (Foto: Annette Hausschild)

Dass beim Schließen von Baulücken oft an vielen Menschen vorbei geplant wird, zeigt die historische Mitte Berlins, so Jan Edler. „Hier wurde eigentlich nur an Touristen und ältere Menschen gedacht,” sagte der Architekt und Künstler vom vielfach ausgezeichneten Studio realities:united bei The Sooner Now Berlin. Insbesondere junge Menschen werden viel zu selten in städtische Planungsprozesse einbezogen. Mit dem „Flussbad Berlin”, ein Projekt, für das Elder gemeinsam mit seinem Bruder Tim seit fast 20 Jahren kämpft, soll sich das zumindest in Berlins Mitte ändern: Nach Reinigung des Spreekanals entlang der Museumsinsel, soll dieser für öffentliche Badestellen erschlossen werden. „Gerade da, wo wir unser Kulturerbe verwahren, sollten wir viele verschiedene Zielgruppen ansprechen und Nachhaltigkeit erlebbar machen”, so Edler. Denn wer laut Edler die Zukunft verbessern möchte, muss „kleine Dinge finden, die ein morgen prägen können.” 

Kunstschaffende, Planerinnen und Designer können eine Menge voneinander lernen – verschiedene Arten, die Stadt oder den Raum zu betrachten.

Victoria Okoye (Stadtplanerin)

Auch Planerin und Wissenschaftlerin Victoria Okoye setzt sich dafür ein, dass Städte im Austausch mit der Bewohnerschaft gestaltet werden. In unserem Interview erzählte die nigerianisch-amerikanische Doktorandin von ihrer Forschungsarbeit in den Wohnvierteln Ga Mashie und Nima im westafrikanischen Accra. Die Arbeit zeigt, wie unterschiedliche Gruppen den öffentlichen Raum nutzen, von Kindern, Jugendlichen, Straßenhändlern oder -musikern. Davon, so Okoye, können wir viel ableiten. „Es ist wirklich wichtig, das eigene Fachgebiet auch mal zu verlassen. Kunstschaffende, Planer*innen und Designer*innen können eine Menge voneinander lernen – verschiedene Arten, die Stadt oder den Raum zu betrachten, was viele unserer festgefahrenen Sichtweisen herausfordert.“

Victoria Okoye forscht an der School of Architecture, die an das Sheffield Institute for international Development der University of Sheffield angeschlossen ist. (Foto: India Hobson)

Für partizipative Stadtentwicklung braucht es also Begegnung und Austausch. Verena Konrad, Direktorin des Voralberger Architektur Instituts (vai) in Österreich, setzt deshalb auf Öffentlichkeitsarbeit, die Zugang schafft und Diskurse wachsen lässt. I „Wir begreifen das Wort Kultur als was Prozessuales, sehr sehr offen und liberal natürlich“ verriet sie in unserer sechsten Podcastfolge. „Dabei geht es darum, wie es zu einem Interessenausgleich kommt, wie sich unterschiedliche Menschen und Akteure hier einbringen und wie auch Entscheidungen zustande kommen.“

Am Ende ist der öffentliche Raum für alle da und alle sollten ihn gestalten können. Denn wer, wenn nicht wir als Bewohner*innen und Nachbarschaft der Stadt, weiß, was am dringendsten benötigt wird – wer wirklich etwas verändern will, muss aktiv werden. 

Auch 2020 hält Spannendes für The Sooner Now bereit: Neue Podcastfolgen, unter Anderem mit der Schrifstellerin Doris Knecht und spannende Gesprächsrunden stehen auf dem Zettel. Bleibt dran, es lohnt sich!

Text: Fabian Ebeling, Charlotte Hölter, Lena Heiss, Alexander Scholz