Wirtschaft

Bewegung in der Bankenstadt: Frankfurts Wachstum hält Chancen für die Kreativszene bereit

4. Juni 2019

Kaum eine andere Stadt in Deutschland wächst so schnell wie Frankfurt. Bleibt da noch Platz für junge Ideen? Und wie kann man diese gestalten? Bei The Sooner Now Frankfurt wurde 2017 wurde emotional debattiert.

Kaum eine andere Stadt in Deutschland wächst so schnell wie Frankfurt. Bleibt da noch Platz für junge Ideen? Und wie kann man diese gestalten? Bei The Sooner Now Frankfurt wurde 2017 wurde emotional debattiert.

Dreimal höher als auf dem Land sei in der Stadt das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, referierte Mazda Adli als Opener von The Sooner Now, organisiert von Freunde von Freunden und MINI in Frankfurt. Adli ist Psychiater an der Berliner Charité, Chefarzt an der Fliedner Klinik und erforscht Phänomene von urbanem Stress. Die Stadt, so ergeben seine Recherchen, sei eindeutig eine Ursache für psychische Beschwerden.

Mit der zunehmenden Urbanisierung auf der Welt – im Jahr 2050 werden schätzungsweise 70 Prozent der Menschen dieser Erde in einer Stadt wohnen – erhöhe sich demnach auch der Stresspegel. Fragen wie: „Auf welche Art und Weise erleben wir die Stadt? Wie können Städte wachsen, ohne den Stress dabei zu erhöhen?“ stellen sich nicht nur Wissenschaftler und Stadtplaner – sondern auch Leuten, die die Stadt „von unten“ bewegen.

“No other city in Germany is currently so affected by the challenges of densification as Frankfurt.”

Um gemeinsam mit den verschiedenen lokalen Communities über das Leben in der Stadt von Morgen zu diskutieren, haben Freunde von Freunden und MINI Deutschland die Plattform The Sooner Now ins Leben gerufen. Seitdem der erste MINI 1959 auf die Straße ging, interessiert sich die Marke nicht nur für die kluge Nutzung von Infrastruktur und Mobilität in der Stadt, sondern auch für die kreativen Köpfe, die dies umsetzen. Und genau die besucht Freunde von Freunden schon seit einigen Jahren in ihren Wohn- und Arbeitsräumen, um zu erfahren was sie beschäftigt und was sie bewegen möchten.

Auch in Frankfurt ist Handlungsbedarf angesagt: Denn wie kaum eine andere Stadt in Deutschland ist die Mainmetropole derzeit den Herausforderungen der Nachverdichtung so stark ausgesetzt. Seit 2011 kommen jährlich rund 15.000 neue Bewohner hinzu, der Brexit soll Schätzungen zufolge noch einmal mindestens 10.000 weitere bescheren. Zwei neue Stadtviertel wurden errichtet, die Altstadt am Römerberg wird um historische Häuser ergänzt, 20 weitere Hochhäuser werden die Skyline füllen. Der Wohnungsdruck steigt – viele Viertel wie jenes rund um den Hauptbahnhof oder das Ostend werden zunehmend gentrifiziert.

“Either we give the newest generation of culturally relevant minds the freedom they need and the city goes through the roof or we leave it to politicians and investors.”

Stefan Hantel alias Shantel

„Frankfurt, du bist so wunderbar“ nennt sich eine Community in der Stadt, die ein gleichnamiges Magazin herausgebracht hat. Dass Frankfurt heute besser von einem jüngeren Publikum wahrgenommen wird, hat auch etwas mit den Kreativen zu tun, die in den 2000er Jahren nicht nach Berlin abgewandert, sondern hiergeblieben sind und die Stadt mit ungewöhnlichen Initiativen und Konzepten nach vorne gebracht haben. Kreative wie Ata Macias, Stefan Hantel, Ian Shaw, Kerstin Görling und Farah Ebrahimi, die am Abend bei The Sooner Now unter dem Titel „Sensing the Urban“ ziemlich emotional über die Geschicke und Zukunft ihrer Stadt diskutierten.

Schon in den 1980er Jahren hatte Stefan Hantel alias Shantel, gefeierter DJ und Erfinder der Bucovina-Balkan-Pop-Reihe, in Off-Spaces im Hauptbahnhofsviertel seine legendären Parties gefeiert. Um die große Kluft zwischen Lokalpolitik und Bürgern zu überbrücken, bewarb sich Shantel 2017 als Bürgermeister – zog die Kandidatur allerdings wieder zurück und will sich stattdessen lieber als freier kulturpolitischer Berater für die Stadt stark machen. „Ich liebe Frankfurt. Wir sind die internationale Schnittstelle Europas“, wie er während der Podiumsrunde sagte.






Überall auf der Welt gebe es fortschrittlichere Wohn- und Arbeitskonzepte, beklagte Ata Macias – und zitierte Beispiele aus der Schweiz, wo zukunftsweisende Technologie für Mobilität und Architektur schon jetzt Anwendung fänden und der Community-Gedanke stärker gelebt würde. Bei dem Schöpfer des Robert Johnson und vieler anderer gastronomischer Konzepte, wie dem Club Michel, dem Plank oder der Pizzeria Montana, spürte man eine Mischung aus Resignation und Resistenz. Ata hat sich von seiner Stadt allerdings schon gelöst – er lebt mittlerweile in einem kleinen Dorf in Italien und kommt nur sporadisch nach Frankfurt. Aber ist das die Lösung?

„Wir sind an einem Tipping Point“, empfand nicht nur Shantel. „Entweder schaffen wir dem kulturrelevanten Nachwuchs die Freiräume, die sie brauchen und die Stadt geht durch die Decke oder wir überlassen sie Politikern und Investoren.“ 2017 arbeitete die Stadt bereits an einem vom kürzlich verstorbenen Architekten Albert Speer Junior mitentwickelten „integrierten Stadtkonzept 2030“. Eine von Speers 16 Thesen dafür lautet: „Die Zukunft liegt in der Verbesserung der tatsächlichen und vor allem der gefühlten Lebensqualität.“



“Be proud of your city. Use your potential and your strength and don’t call it Mainhattan — it’s Frankfurt!”

Farah Ebrahimi

Wie aber erreicht man das? Da sind nicht nur „top-down“, sondern eben auch „bottom-up“-Prozesse gefragt – dennoch scheint es schwer, die Bürgerinnen und Bürger zu mobilisieren. Selbst ein zeitgemäßes Format wie der temporäre Zukunftspavillon, den der Architekt Ian Shaw errichtet hatte und der von 2015 bis Ende 2016 auf dem zentralen Goetheplatz einen Ort des Austauschs bot, konnte die Frankfurter nur wenig bewegen. Genau drei Menschen hätten in diesem Zeitraum den „Speakers“ Corner genutzt. Umso erfreuter zeigt sich Shaw über die rege Beteiligung bei The Sooner Now. „Wir sind die Stadt“, sagt Shaw, „also rafft euch auf und tut etwas dafür – bevor es andere tun.“

Nicht alle teilten diese Schwarz-Weiß-Denke und wollten nicht in das Banker- und Politikerbashing einstimmen. Frankfurt sei, so Kerstin Görling, die den progressiven Modestore Hayashi am Börsenplatz führt, die Stadt der Businesspläne. Und das müsse man ebenfalls unterstützen. Einen gemeinsamen Weg finden, die Chancen vor Ort nutzen – wie es auch Farah Ebrahimi mit ihrem Möbeldesignlabel e15 tut. Im neuen Omniturm, dem Hochhaus mit „Hüftschwung“ des dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels, das zum Zeitpunkt der Veranstaltung in der Innenstadt hochgezogen wurde, werden Möbel von e15 einziehen. Bestes Beispiel von „be part of it“.  

Frankfurt sei der perfekte „business hub“ und geographisch superzentral gelegen, glaubte Ebrahimi. Sie konnte daher nicht verstehen, weshalb es nicht mehr junge Leute und Start-ups wie WearWorks nach Frankfurt ziehe. Als gebürtige Iranerin, Dank einer internationalen Karrierelaufbahn über New York und Los Angeles nach Frankfurt gekommen, wo sie mit ihrem Mann und Kindern nun lebt und arbeitet, forderte sie: „Seid stolz auf eure Stadt. Nutzt euer Potenzial, eure Stärke.“ Und: „Don’t call it Mainhattan – it’s Frankfurt!“



Urbane Lebensqualität? Was bedeutet das genau, wie lässt sie sich messen? In seinem Buch „Stress and the City“ verrät Mazda Adli, was alles Einfluss auf das Wohlbefinden in den Städten hat und warum das Leben in den Metropolen – trotz Stress – sein Gutes hat.

Das Team um WearWorks beispielsweise zeigt, wie haptische Technologien Sehbehinderten die Navigation in der Stadt erleichtern können.

Ohne Menschen, die Initiative zeigen, wie Ata, Kerstin, Shantel, Ian und Farah, wäre auch Frankfurt nicht, was es ist. Wer mehr über die Aktivitäten der Community vor Ort erfahren möchte, kann alle Interviews aus Frankfurt nachlesen.

The Sooner Now ist eine Initiative von MINI und Freunde von Freunden, die sich als Plattform für herausragende Zukunftsideen versteht. Die Reihe ist als andauernder Austausch und Inspiration gedacht, über Städte und Veranstaltungsformate hinweg. Im Fokus stehen persönliche Geschichten und leidenschaftliche Projekte – sie ebnen den Weg für gemeinsame Lösungsansätze und ein besseres Leben in der Stadt.



Text: Martina Metzner
Fotografie: Robert Rieger