Integration

Benjamin Jürgens und die Refugee Canteen bilden Geflüchtete in Hamburger Küchen aus

4. Juni 2019

Anlässlich von The Sooner Now Hamburg sprach Benjamin Jürgens im Juni 2018 über Heimatgefühle, Neuanfänge und unberechtigte Vorurteile. Der Ur-Hamburger betrachtet Integration als Bereicherung.

Anlässlich von The Sooner Now Hamburg sprach Benjamin Jürgens im Juni 2018 über Heimatgefühle, Neuanfänge und unberechtigte Vorurteile. Der Ur-Hamburger betrachtet Integration als Bereicherung.

Finanzielle Sicherheiten oder eine lange Firmengeschichte kann Jürgens (noch) nicht vorweisen, auch wenn er schon seit 15 Jahren in seiner Branche tätig ist. Sein Unternehmen Gastrolotsen gibt es seit drei Jahren. Er und sein Team beraten junge Gastronomen, Hotels sowie Gastrobetriebe mit langer Tradition, auch über Hamburgs Grenzen hinaus. Mit der Refugee Canteen unterstützten die Betreiber Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund bei ihrem Einstieg in die Gastronomiebranche.

Die Teilnehmer machen bei der Refugee Canteen einen „Gastro-Führerschein“. Zunächst werden sie drei Wochen lang in den Bereichen Service und Küche geschult. Danach absolvieren sie ein vierwöchiges Praktikum in einem Betrieb. Am Ende des Programms steht für sie im besten Fall ein Ausbildungsplatz. Im Juni 2018 zählet das Programm rund 55 Migranten. Die Hälfte davon konnte in ein Arbeitsverhältnis vermittelt werden, unter anderem an die Hotelkette 25hours. In einem Mentoringprogramm werden sie ein Jahr begleitet. 2018 sollten es bis zu 60 neue Teilnehmer geben. „Selbst wenn am Ende nur einer seine Ausbildung abschließt, gehe ich mit einem breiten Lächeln nach Hause“, so Jürgens.

Benjamin Jürgens at his local greengrocer Helal Pazar in Hamburg’s Sternschanze

Jürgens wuchs in Mümmelmannsberg auf, eine in den 1970er Jahren errichtete Großwohnsiedlung im Hamburger Stadtteil Billstedt. Fast jeder Vierte hat dort einen Migrationshintergrund und auch der Anteil an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger ist überdurchschnittlich hoch. „Ich wuchs umgeben von Flüchtlingen auf, in unserem Haus lebten sonst keine Deutschen. Wir waren ‚die Deutschen’“, erinnert sich Jürgens. „Zu meiner Jugend gehörte all das, was man sich so vorstellt: Wir haben geklaut und Blödsinn gemacht, hatten eine kleine Gang. Essen war für mich aber schon damals die Brücke: Darüber konnte ich andere Kulturen kennenlernen. Ich habe bei Nachbarn, die keinen Tisch hatten, auf dem Boden mit Händen gegessen. Das ‚Deutsche’ war für mich fremd.“


„Anderen wurde das Positive vielleicht in die Wiege gelegt – bei mir war es der Trouble. Ich will das aber in etwas Positives umsetzen.”

Nach dem Schulabschluss machte Jürgens eine Ausbildung zum IT-Fachmann. Als er ein Mädchen aus Eppendorf – einer gehobenen Hamburger Nachbarschaft – kennenlernt, empfindet seine Mutter das als Hochverrat und setzt ihn vor die Tür. Eines Tages bekam er einen Auftrag vom Besitzer des „Bereuther“, damals der Treffpunkt von Hamburgs High Society. Ursprünglich sollte er einen Computervirus löschen, daraus wiederum öffneten sich für ihn die Tore in Hamburgs Oberschicht. „Als ich fertig war, kam der Chefkoch rein und fragte, ob ich zum Essen bleiben will. In der Gastronomie ist das völlig normal: Man sitzt als Team zusammen und isst“, so Jürgens. „Ich musste mein Leben lang aufpassen, nicht zu erzählen, dass ich in Mümmelmannsberg groß geworden bin. An dem Abend wollte niemand wissen, woher ich komme. Am nächsten Tag habe ich meinen Job als IT-Techniker gekündigt, um in der Gastronomie anzufangen. Das war auf einmal meine Heimat. Das Wort Familie bekam einen ganz anderen Kontext.“

Photography: Bernd Jonkmanns

Jürgens arbeitete sich hoch. Erst spülte er Geschirr, dann wurde er Barkeeper, Barchef, Eventleiter, Betriebsleiter und irgendwann stellvertretender Geschäftsführer. „Wenn ich mich in etwas verbeiße, kann ich nicht aufhören. Das hat mit meiner Herkunft zu tun“, sagt er. „Aus Mümmelmannsberg kommen angeblich die, die aufgegeben haben im Leben. Ich gebe nicht auf.“

2006 folgte Jürgens seiner damaligen Freundin nach Malawi in Ostafrika. „Nach einem Besuch in dem Waisenhaus, in dem sie arbeitete, spendete ich mein ganzes Geld dieser Organisation”, erzählt er. Der Wunsch, etwas zurückzugeben, ist noch heute Jürgens Antrieb. „Anderen wurde das Positive vielleicht in die Wiege gelegt – bei mir war es der Trouble. Ich will das aber in etwas Positives umsetzen.“ Bald engagierte sich Jürgens für soziale Projekte in Deutschland. Mit seiner ersten Firma LOWANI beriet er Unternehmen zu sozialem Engagement und gründete das Catering-Unternehmen Cooking & Friends.

2014 nahm er sich eine Auszeit und reiste durch Australien. „In Australien hatte ich von der Flüchtlingskrise in Deutschland nichts mitbekommen, doch als ich wieder zurück war, traf ich mich abends mit drei befreundeten Köchen an den Hamburger Messehallen. Dort waren damals viele Flüchtlinge untergebracht. Ich meinte zu den anderen, dass wir etwas machen müssen.“ Die KfW-Stiftung informierte zu dieser Zeit über ihre Förderung für Projekte, die Flüchtlinge unterstützen. „Also dachte ich: In der Gastronomie herrscht Fachkräftemangel – warum zeigen wir diesen Menschen nicht, wie unsere Branche funktioniert?“ Noch am selben Abend schrieb er das Konzept, wenig später kam die Zusage für die Förderung.

Die Refugee Canteen wird heute durch verschiedene Stiftungen finanziert, beim Anschub des Projekts half zu Beginn vor allem die Stadt Hamburg, die auch heute noch Fördererin ist. Dazu gehören natürlich auch Hürden und Vorurteile. „Dein Unternehmen verändert sich, wenn du vier geflüchtete Afghanen einstellst“, weiß Jürgens. „Man muss begreifen, was diese Menschen durchmachen. Unsereins kann sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, morgens zur Ausländerbehörde zu müssen und vielleicht ausgewiesen zu werden.“


„Integration ist ein Prozess und wenn wir uns öffnen, können wir dabei selbst ganz viel lernen.”

Dieses kulturelle Verständnis wird in der Küche auf kleiner Ebene geübt. „Natürlich geht jeder Mensch unterschiedlich mit Produkten um. Aber wenn ich beantworten soll, ob es eine Rolle spielt, mit wem ich zusammenarbeite, würde ich nein sagen. Ich bin mir sicher, dass sich irgendwann mal ein Typ vor einem Mammut versteckt hat, in der Höhle einem anderen Neandertaler begegnet ist und beide, während sie gewartet haben, zusammen was zu essen gemacht haben. Da hat keiner gefragt: ‚Wo kommst du her?’.“

Benjamin Jürgens at lunch with Aron.

Langfristige Integration, da ist sich Jürgens sicher, funktioniert nur über Bildung. „Mich rufen täglich Leute an und sagen ‚ich habe hier einen netten Afghanen’. Meine Antwort ist dann immer ‚cool, kann man den rauchen?’, weil ich darin schon Rassismus sehe. Warum sollte es kein netter Afghane sein? Es sagt ja auch keiner, ‚heute kommt ein netter Fotograf’. Sowas muss aufhören. Integration ist ein Prozess und wenn wir uns öffnen, können wir dabei selbst ganz viel lernen.“

Vielleicht hat Jürgens durch seine bewegte Geschichte auch ein anderes Verständnis von Herkunft und Heimat. Heimat, was ist das überhaupt? „Für mich hat Heimat etwas mit Ruhe zu tun, und mit Kontrolle“, sagt er. Wenn Jürgens sich nach Ruhe sehnt, zieht er sich in seiner Heimatstadt gerne an einen Ort zurück, der wie kein anderer für Ankunft und Abreise steht: der Hamburger Hafen. „Durch das viele Reisen hat sich mein Blick verändert. Ich betrachte Heimat anders, sie ist klarer geworden. Hamburg ist für mich Zuhause.”



Benjamin Jürgens war als Gründer der Refugee Canteen einer von vier Teilnehmern an der Podiumsdiskussion von The Sooner Now Hamburg. Im 25hours Hotel ging es um Themen wie Migration und Zugehörigkeit.

The Sooner Now gehört zu FvFs langfristiger Zusammenarbeit mit MINI und hat es sich zur Aufgabe gemacht, nachhaltige Ideen für ein besseres Leben in urbanen Lebensräumen zu generieren. 2018 wurde die Initiative vom Designmagazin IDEAT unterstützt. Mehr Infos zu den diesjährigen Veranstaltungen gibt es hier.



Text: Nadine Wenzlick
Fotografie: Uta Gleiser