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“Architekten müssen unbedingt darauf achten, wie unsere Umgebung klingen soll”

23. Juli 2019

Dr. Brady Peters erklärt, warum Räume und Gebäude eine gute Akustik brauchen.

Als interessierte Laien schauen wir bei Gebäuden oder einer urbanen Umgebung oft zuerst auf das Äußere: Wie ist ein Haus gestaltet, wie sieht es aus? Wir orientieren uns daran, wie Straßen angelegt sind, nehmen manche Häuser als Fixpunkte wahr, auf unserem Weg von A nach B. Menschen wie der kanadische Architekt Dr. Brady Peters schauen anders auf ihre Umgebung. Oder besser gesagt: Sie hören ganz genau hin. 

Städte können ganz schön laut werden. Ist das schon Lärmverschmutzung oder sollte man das nicht so eng sehen?

Klänge an sich sind erst einmal nichts negatives. Wir kommunizieren über Klänge, wir brauchen sie in der Musik und sie helfen uns, unsere Umgebung wahrzunehmen. Lärm ist eher etwas ärgerliches. Wenn der Verkehr zu laut wird oder die Baustelle nebenan, wenn wir ständig unsere lauten Nachbarn hören, kann das auf Dauer sogar gesundheitsschädigend werden. Dennoch muss Lärm nicht unbedingt schlecht sein. Manche Menschen hören gern den Verkehr oder Züge vorbeirauschen.

Was fasziniert sie als Architekt an Klang?

Mich interessieren besonders die physikalischen Eigenheiten von Klang. Klänge bestehen aus Druckwellen, die durch Partikel angestoßen werden, die wiederum in einem bestimmten Medium schwingen. Wir Menschen leben in diesem Medium namens Luft. Sie überträgt Klang über Schwingungen und damit die Informationen, die durch diesen Klang erzeugt werden. Als Architekten lernen wir, den Raum zwischen Wänden, Decken und Böden wie leeren Raum zu behandeln. Ich sehe darin aber vornehmlich die Luft, in der wir uns ständig bewegen und worüber wir mit unserer Umgebung interagieren.  

Wie nah liegen denn Architektur und Akustik beieinander?

Jeder Innenraum hat eine bestimmte Klangqualität, die durch seine Form, seinen Aufbau und die verwendeten Materialien bestimmt wird. Architekten entwerfen die Formen und Materialien für Gebäude. Sie beeinflussen also direkt, wie die Räume darin klingen. 

Was müssen Sie in Ihrer Forschungsarbeit beachten und was ist eine besondere Herausforderung?

Wenn Klangwellen auf architektonische Oberflächen treffen, können drei Dinge passieren: Die Klangenergie wird absorbiert, sie wird reflektiert oder sie zerstreut sich in verschiedene Richtungen. Indem Architekten das Material oder die Form dieser Oberflächen verändern, können sie die Raumakustik stimmen wie ein Instrument. Diese Entdeckung verdanken sie Wallace Clement Sabine, einem amerikanischen Pionier der Raumakustik. Er fand heraus, wie man den Widerhall eines Klangs im Raum berechnen kann und was die Oberflächen damit zu tun haben. In meiner Forschungsarbeit suche ich grundsätzlich nach Lösungen, wie Räume besser klingen können. Da macht es eben am meisten Sinn, sich intensiv mit der Beschaffenheit von Oberflächen zu befassen.

Wo sehen Sie den klangliches Verbesserungspotenzial in Wo sehen Sie denn klangliches Verbesserungspotenzial in der Stadt? 

In der Raum- aber auch in der Gebäudeakustik. Ist die Gebäudeakustik schlecht, kann das für die Bewohner sehr belastend werden. Die Bewohner einiger neuer Apartmentgebäude in Toronto beschweren sich momentan, dass sie sowohl den Lärm von der Straße als auch den ihrer Nachbarn hören. Es gibt zwar Methoden, wie das vermieden werden könnte – die entsprechenden Baumaßnahmen sind allerdings teuer. Die Raumakustik wiederum untersucht das Klangverhalten in Räumen mit dem Ziel, Klänge so klar wie möglich zu machen. Eine gute Mischung aus absorbierenden und reflektierenden Materialien macht einen ordentlichen Raumklang aus. Dabei muss immer beachtet werden, wo sich die Klangquellen befinden und wo die die Oberflächen. Ganz besonders wichtig sind diese Klangqualitäten heute in offenen Büros, in Klassenzimmern oder in Besprechungsräumen, zum Beispiel.

Wie finden sie heraus, ob ein Klang im Gebäude gut ist oder schlecht?

In der Gebäudeakustik muss zuerst festgestellt werden, wie gut uns ein Gebäude vom Außenlärm abschirmen. Bei der Raumakustik kommt es wiederum immer auf die Situation an. Ein wichtiges Werkzeug ist hier aber immer die Nachschwingzeit. Damit kann man messen, wie lange es dauert, bis ein Klang nach seinem Entstehen verschwindet. Das wiederum lässt auf die Klangverhältnisse eines Raumes schließen. 

Haben die Architekten der Zukunft eine besondere Verantwortung für den Klang unserer Städte?

Wir leben in einer sehr visuellen Zeit. Unsere Häuser und Wohnungen gestalten wir auch nach visuellen Maßstäben, nicht unbedingt nach klanglichen. Als Architekt lernt man viel über visuelle Komposition und Ordnungsprinzipien, weniger aber über den Klang von Gebäuden. Meiner Meinung nach müssen Architekten heute unbedingt darauf achten, wie unsere Umgebung klingen soll, anstatt nur Minimalbedingungen zu erfüllen. Das könnte man vielleicht als eine Art neue Klangästhetik für die Architektur bezeichnen. 

Dr. Brady Peters ist Architekt und Assistant Professor an der John H. Daniels School of Architecture, Landscape and Design in Toronto. Davor arbeitete er unter Anderem in der Forschungsabteilung des Londoner Architekturbüros Foster + Partners. Dort entwickelte er Computerprogramme, die die Akustik von Räumen im architektonischen Entwurfsprozess berücksichtigen. 

Interview: Fabian Ebeling